Menuhin und wie er die Welt sieht
info@gerard-menuhin.de

Bilderberger contra Populist

Warum ein Schweizer Minister seinen Kollegen Blocher
unter Faschismus-Verdacht stellt


Bundesrat Dr. Christoph Blocher
Am 21. Oktober 2007 wird in der Schweiz der Nationalrat gewählt und am 12. Dezember finden die Bundesratswahlen statt. Dann wählt das Parlament die Regierung, nämlich die sieben Mitglieder des Bundesrats und den Bundeskanzler.

Seit 2004 ist Christoph Blocher Justizminister im Schweizerischen Bundesrat. Und seit Blochers Amtsantritt bekämpft ihn sein Ministerkollege Pascal Couchepin, der für sich die zweifelhafte Ehre in Anspruch nehmen kann, einer der wenigen Schweizer zu sein, die an der Bilderberg-Konferenz teilnehmen.

Innenminister Couchepin kritisierte jetzt erneut scharf die Schweizerische Volkspartei (SVP), deren führender Kopf Blocher ist. Das politische Klima in der Schweiz sei beunruhigend und lasse an die 30er-Jahre denken. Aussagen, wonach es eine Katastrophe sei, falls Blocher nicht wiedergewählt werde, erinnern ihn angeblich an den Faschismus: „Niemand, auch nicht der ,Duce‘, ist unverzichtbar für das Wohlergehen unseres Landes.“

Griff in die Mottenkiste

Da Herr Couchepin 1942 geboren wurde, kann er sich unmöglich an den Faschismus erinnern, höchstens an seine wahrscheinlich von Vorurteilen geprägte Schulzeit. Trotzdem ist dies nicht der erste Griff Couchepins in die ideologiegeschichtliche Mottenkiste. Im Kern geht es immer um dasselbe: Couchepin verübelt es dem „Populisten“ Blocher, dass dieser dem Volk zu viel Macht einräumt.

Schon im Oktober 2004 sagte Couchepin, die SVP betrachte das Volk als Masse, die man verführen könne. Er lese „derzeit ein Buch, das den Nationalsozialismus und den Kommunismus vergleicht. Es zeigt, dass die beiden totalitären Parteien nicht unpopulär waren.“

Couchepin damals weiter:

„Blocher sagt immer, das Volk sei der Souverän. Das ist falsch: Das Volk ist der Ursprung, die Quelle der Macht.“
„Manchmal habe ich den Eindruck, gewisse SVP-Leute glauben, die Regierung müsse mit dem Volk paktieren.“
„Wir sind überzeugt davon, dass das Volk kein Diktator sein darf.“
„Wir müssen die Leute wieder für diese Limitierung der Macht des Volkes gewinnen.“

Der Schweizer Weg

Als Schweizer sehe ich nicht nur die Zustände in der Bundesrepublik, wo die Regierung sich über den Volkswillen rücksichtslos hinwegsetzt, mit Befremden. Ich bin angesichts von Tendenzen wie der von Herrn Couchepin auch in Sorge um die Schweiz. Einige Funktionsträger in dieser einzig wahrhaften Demokratie erinnern sich anscheinend nicht mehr, wie es zu dem überwältigenden Erfolg der Eidgenossenschaft kam und warum es den meisten Schweizern noch so gut geht: Das Schweizer Volk hat seine Vertreter immer wieder zur Vernunft gebracht, wenn sie irgendeinen unklugen Entscheid getroffen hatten.

Schweizer Tugend, Schweizer Pragmatismus, Schweizer Neutralität, Schweizer Umweltbewusstsein basieren auf den noch unzerrütteten Traditionen des Landes – und auf Schweizer Vernunft. Aber diese Vernunft verringert sich in dem Maße, in dem das Land mit ausländischen Ideen und von ausländischen „Consultants“ unterwandert wird. Je mehr der Schweizer Weg verwässert wird, je unsicherer der Schweizer, desto leichter und öfter wird er zum Opfer interessierter Gruppierungen.

Schweizer Politiker und Geschäftsleute bewundern die vermeintlich glatten Methoden, die in anderen Staaten angewendet werden, und fürchten, von irgendwelchen ausländischen, meistens angelsächsischen Modepolitiken/Geschäftslisten überholt zu werden. Obwohl die Schweiz in puncto Lebensqualität (noch) das führende Land überhaupt ist. Also was fehlt ihr?

Es fehlt ihr die Fähigkeit zu erkennen, warum es der Schweiz noch gut geht. Dabei ist die Antwort einfach: Weil es den Schweizer Weg gibt, an den man nicht rühren sollte. Aber ausgerechnet in diesem Punkt ignorieren Schweizer Politiker eine amerikanische Erkenntnis: „If it ain’t broke, don’t fix it“. Also: Wenn es nicht kaputt ist, reparier’ es nicht. Tatsächlich gibt es keinen Grund etwas zu ändern. Höchstens müssten einige Fehler der letzten Jahre rückgängig gemacht werden.

Der Zusammenhalt der Schweiz beruht unter anderem auf der regionalen Verwaltung durch die Kantone. Diese fordert und gewährleistet, dass die Viersprachigkeit des Landes (Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch) und damit auch die unterschiedlichen Kulturen und Traditionen bewahrt werden. Doch jetzt wird daran gerüttelt. Einige Kantone haben begonnen, nicht mehr eine Landessprache in den Schulen als erste Fremdsprache zu unterrichten, sondern das Englische.

Die Regierung, die mit dem Volk paktiert

Mangelhafte Bildung (die Schweiz schloss schlecht in der Pisa-Studie ab) und die bildschirmgespeiste gegenwärtige Kultur und Unterhaltung verunsichern besonders junge Schweizer. Sie werden zunehmend von amerikanischem Gedankengut und der kriechenden Entnationalisierungs-Tendenz der Globalisierung beeinflusst.

Die Schweiz hat keine Kolonien gehabt und muss sich also wegen Unrechts an fremden Völkern keine Vorwürfe machen. Sie muss auch kein schlechtes Gewissen haben, weil sie stabile Verhältnisse aufweist. Warum also sollte man beispielsweise Ausländer aus allzu fremden Kulturen ins Land lassen? Weil die linken Parteien es so wollten. Sie sind in der Schweiz, wie in vielen anderen Staaten, von geschichtlicher Ignoranz und von Neid auf Menschen durchdrungen, die es durch Disziplin und Bildung weit gebracht haben. Und dann sind da noch die im Hintergrund agierenden Gruppierungen, die dieses widerstandsfähige Land zerstören möchten.

Die Argumentation von Innenminister Couchepin zeigt, dass er nicht seinen Landsleuten Vorrang gibt, sondern seinen Machtambitionen. Im Gegensatz zu seinen Behauptungen ist die Volkssouveränität das Merkmal einer Demokratie. In diesem Sinne ist in einer funktionierenden Demokratie das Volk durchaus eine Art „Diktator“, dessen Wünsche die gewählte Regierung durchzuführen hat. Und das Ziel kann es heutzutage auch nicht sein, die Macht des Volkes zu limitieren, sondern sie zur Geltung zu bringen. Was kann einem Land besseres passieren als eine Regierung, die mit dem Volk paktiert? Die Bundesrepublik Deutschland erlebt gerade den Albtraum des Gegenteils einer solchen Regierung.

Gerard Menuhin