Menuhin und wie er die Welt sieht
info@gerard-menuhin.de

Das passiert mir nicht wieder – in Zukunft gehe ich in die Abgeordneten-Kantine!

Eigentlich hat er schon genügend für Deutschland getan, unser Bundeskanzler. Als SPD-Bundestagsabgeordneter kann ich das beurteilen. Erstaunlicherweise begegnete ich heute Mittag trotzdem wieder einem Unzufriedenen, der erregt auf den Artikel „Schröder fordert von Blair höheren EU-Beitrag“ in seiner Zeitung deutete. „Schon wieder voll daneben!“, meinte er.

„Ohne Entgegenkommen Londons ist eine Einigung nicht möglich“, zitierte dieser „Herr“ höhnisch den Bundeskanzler. Und erregte sich gleich weiter: „Jetzt überlegt die Europäische Union doch glatt, eine EU-Steuer zu erheben, um diesen Unsinn noch aufrechtzuerhalten.“ Offensichtlich war dieser Mann gestört. Kein normaler, anständiger Bürger kümmert sich darum, was seine Regierung mit seinem Steuergeld macht!

Wie schrecklich aggressiv der Kerl war! Plötzlich wandte er sich an mich und fragte: „Einigung über was denn? London wird nicht einlenken, also sind das leere Worte. Eine zusätzliche Steuer, viel zu hohe deutsche EU-Beiträge – das bei der heutigen Wirtschaftslage Deutschlands. So was gehört doch bestraft!“

Ich protestierte: „Sie sollten nicht so über unsern Herrn Bundeskanzler reden. Bitte zeigen Sie etwas Respekt.“

„Ha!“ Er fasste mich am Arm. „Und schauen Sie, was hier steht: Unser Bundespräsident erklärt, dass die EU-Integration weiter gehen muss – als ob die zweimal abgelehnte EU-Verfassung nicht Zeichen genug wäre, dass das keiner will. Eine Frechheit!“

„Oh, bitte. Ich ersuche Sie um ein bisschen mehr Achtung!“

„Ha!“ – schon wieder dieser barbarische Laut – „Was hat er bisher Bedeutendes gesagt oder getan? Die Originalität seiner Reden läst sich am besten mit einer schönen runden Null ausdrücken. Zum Ausgleich ließ er vor ein paar Tagen ein Bündel farbige Luftballons zum Himmel steigen. Es hatte mit irgend einer Vergangenheitsbewältigungsfeier zu tun.“

„Da muss ich aber heftig protestieren! Meinen Sie etwa, Deutschland wäre nicht allein schuld am Zweiten Weltkrieg?“

Der impertinente Mensch ließ sich nicht bremsen, er wurde patzig: „Immer doch schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten.“

Als ich diese Aussage als „typisch rechtsradikal“ entlarvte, behauptete das Subjekt doch frei von der Leber weg, dieser Satz stamme nicht von ihm, sondern von Brecht. Was geht mich Brecht an?

Ich merkte jetzt, dass hier nur noch eines hilft, und schrie ihn an: „Vergessen Sie niemals den Holocaust!“

Aber diese Missgeburt hatte auch darauf eine Antwort: „Dafür war eine Minderheit verantwortlich. Die Schuldigen sind längst tot. Und Deutschland hat alle möglichen Reparationen bezahlt.“

Ich zitierte die Worte Horst Köhlers: „Es gibt keinen Schlussstrich! Das hat der Herr Bundespräsident am Jahrestag der Befreiung festgestellt.“

Da sagt dieser Untermensch doch wirklich, ihn interessiere mehr die Befreiung vom deutschen Schuldkult und von überzogenen EU-Beiträgen. Dann nämlich könne Deutschland endlich aufatmen.

„Wie stellen Sie sich das denn vor?“, fuhr ich ihn mit der gebotenen Schärfe an.

„Ganz einfach: Der Bundeskanzler und der Bundespräsident wenden sich Deutschland und den heutigen deutschen Angelegenheiten zu. Sie widmen, wie sie es geschworen haben, ihre Kraft dem Wohle des deutschen Volkes, mehren seinen Nutzen, wenden Schaden von ihm. Mit dem gesparten Geld und ohne Kriecherei würde es nicht lange dauern, bis das Land wieder zu sich käme.“

Jetzt musste ich mein Ass ausspielen und sagte schneidend: „Und was würde dann das Ausland von uns sagen?“

Da erfrechte sich der Unhold, mir – der ich seit zweieinhalb Jahrzehnten Abgeordneter bin! – Vorschriften zu machen: „Ich gebe Ihnen den Rat, haben Sie den Mut, selbständig zu denken!“

Gerard Menuhin