Menuhin und wie er die Welt sieht
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Das zukünftige Deutschland? Sie haben die Wahl!

„Schon wieder hast du ein blaues Auge. Um was ging es diesmal?“, fragt meine Mutti.

„Nichts. Das Übliche“, entgegne ich mürrisch.

„Auch das wäre nicht passiert, wenn es damals anders gelaufen wäre“, sagt mein Vater. Er beginnt zu fluchen.

Wenn ich meinen Vater erlebe, wie er vor dem Fernseher sitzt und über die Bundestagswahl von 2005 schimpft, wenn er jammert, er verstehe nicht, warum er damals nicht die Nationalen gewählt hat, würde ich am liebsten laut schreien. Es ist doch 2020, ich bin fünfzehn Jahre alt und aus meiner Sicht geht es uns einigermaßen normal. Zwar kann sich mein Vater als Zimmermann kein Auto leisten, aber wir haben eine Drei-Zimmer-Wohnung, einen Fernseher, zweimal in der Woche gibt es Fleisch und ab und zu bekomme ich sogar ein neues Hemd. Doch anscheinend hat sich für die ältere Generation vieles geändert.

„Und du hast CDU gewählt?“

Aber weil ich meinen Vater liebe und weil es ihm wichtig ist, es nochmals zu erklären, frage ich ihn trotzdem, warum er schimpft. Seine Antwort ist fast immer dieselbe: „Siehst du, das war damals unsere letzte Chance. Deutschland stand am Scheideweg. Wir, das Volk, hatten die Wahl, einfach weiterzumachen und uns immer mehr auf den Abgrund zuzubewegen oder endlich für fundamentale Änderungen zu sorgen.“

„Und du hast mitgemacht und CDU gewählt?“

„Ja, ich Idiot bin ihnen auf den Leim gegangen und hab' sie gewählt. Dabei hatte ich doch vor, mein Kreuz bei den Nationalen zu machen. Kurz vor der Wahl spuckte die CDU plötzlich ganz vernünftige Töne: Vaterland, Familie, Kinder, weniger Einwanderung. Endlich, dachte ich, sind sie zur Vernunft gekommen und haben die Kurve gekriegt. Dabei hätte ich nach so vielen Enttäuschungen ahnen müssen, dass es nur ein Wahlmanöver war!“

„Der Staat war pleite. Ohne völlig neue Wege einzuschlagen, war Deutschland nicht zu retten. Aber was schlugen sie vor? Eine Steuervereinfachung und eine Verringerung der Lohnnebenkosten bei gleichzeitiger Erhöhung der Mehrwertsteuer. Alter Wein in neuen Schläuchen. Ich hätte wissen müssen, dass sie nichts Neues anzufassen und nicht an bestimmten Tabus zu rütteln wagten.“

Die EU ging zugrunde

Von Tabus verstehe ich nichts. Ich gehe in mein Zimmer und spiele mit meinen Glaskugeln. Ich hätte gern einen Computer, aber dafür fehlen uns die Mittel.

Soviel ich weiß, hat es eine Art Staat über den Staaten Europas gegeben, EU genannt, der von uns Deutschen und manchen anderen immer mehr Geld verlangt hat. Diese EU konnte von dem wenigen Steuergeld, das die Steuerzahler am Ende nur noch aufbringen konnten, nicht mehr bestehen und ging zu Grunde. Aber durch diesen Überstaat kamen Unmengen von Ausländern – hauptsächlich Türken, die auch zu der Vereinigung eingeladen wurden – nach Deutschland.

Mir war schon früher aufgefallen, dass die Türkei auf der alten Karte im Klassenzimmer nicht bei Europa eingezeichnet ist. Als ich unseren Erdkundelehrer auf den „Fehler“ ansprach, wurde er plötzlich ganz ernst und schwieg. Nach der Stunde nahm er mich beiseite und sagte: „Es stimmt. Die Türkei gehört nicht zu Europa. Die Türken haben eine ganz andere Kultur und Religion. 1927 hatte die Türkei knapp 14 Millionen Einwohner. Vor 20 Jahren waren es 65 Millionen. In 30 Jahren werden es 100 Millionen sein. Mit ihren vielen Kindern sind die Türken heute auch in Deutschland die größte Bevölkerungsgruppe. Deine türkischen Mitschüler haben zwar einen deutschen Pass bekommen, trotzdem wollte ich darüber mit dir lieber unter vier Augen sprechen. Behalt' es also bitte auch für dich!“ Ich verstand gar nichts mehr. Hatte er mir vielleicht die Unwahrheit erzählt?

Ich komme ganz gut durch

Zugegeben, all das ist mir ein bisschen fremd. Ich komme ganz gut durch. Ich kann mit meinem Fahrrad fahren – nur nicht außerhalb des Dorfes, wo die Gegend von Banden kontrolliert wird. Auf dem Schulweg werde ich, wenn ich Glück habe, nur ein oder zwei Mal in der Woche von M. und seiner Gang aufgehalten und verprügelt – manchmal auch überhaupt nicht, wenn ich ihnen mein Mittagessen gebe. Aber meistens ist es ihnen nicht gut genug.

Sicher, es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ich nächstes Jahr eine Lehrstelle kriege. Aber ich finde schon etwas zu tun. Man sagt, unter einigen Bevölkerungsgruppen gebe es beinahe Vollbeschäftigung. Für uns bleiben aber immer noch Arbeiten übrig.

Mein Vater sitzt abends meist in seinem alten zerfetzten Liegestuhl und liest „Bild“. Dann sagt er fast jedes Mal: „Genau das Gleiche hab ich gestern im Fernsehen gesehen. Ist doch alles von denen gleichgeschaltet.“ Oder: „Wie ist es dazu gekommen, dass der Saban alle deutschen Sender beherrscht?“ Wer ist überhaupt dieser Saban? Ich habe einmal versucht meinem Vater diese Frage zu stellen. Aber er wollte dazu nichts sagen und hat nur irgendwas von „denen, die die Medien beherrschen“ gegrummelt.

„Vorschrift von ‚denen’“

Statt meine Frage zu beantworten, holte mein Vater dann weit aus: „Als du geboren wurdest, war das noch unser Land. Heute wird unsere Lebensweise von anderen diktiert. Früher konnten wir auch noch reisen, wohin wir wollten – obwohl uns das Geld dazu natürlich fehlte. Wir hätten sogar nach China oder Indien fliegen können.“

„China?“

„Das ist ein sehr weit entferntes Land, in dem die Menschen Schlitzaugen, schwarze Haare und eine gelbliche Haut haben.“

„Nein! Das gibt es nicht.“

„Doch, es stimmt.“

„Und Indien, ist das auch ein Land?“

„Ja, Indien und China sind die reichsten Länder der Welt.“

„Was war das reichste Land der Welt, als ich geboren wurde?“

„Das war Amerika. Aber als es durch Misswirtschaft und Welteroberungswahn bankrott gegangen war, wollte niemand mehr etwas damit zu tun haben. Weil einige von ihnen nicht ungefährlich waren, gibt es noch heute eine Visumpflicht für Amerikaner, die ins Ausland reisen wollen.“

„Das ist ja spannend. Ich bin nie Amerikanern, Chinesen oder Indern begegnet. Ich kenne nur Türken, Serben, Rumänen, Bulgaren und Zigeuner. Zeigst du mir einen Chinesen im Fernsehen?“

„Kann ich nicht – in den Medien werden nie welche gezeigt. Vorschrift von ‚denen’. Die Leute würden mit ihrer Situation unzufrieden werden, wenn sie Bilder vom Leben in China sehen würden.

Gerard Menuhin