Menuhin und wie er die Welt sieht
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Du gleichst dem Geist, den du begreifst

Als ich das schier Unglaubliche las, dass neben Großbritannien vor allem die deutsche Bundesregierung sich gegen eine gemeinsame Forderung der EU-Staaten nach einem sofortigen Waffenstillstand in Nahost sperrte, begann ich zu schreiben. Aber ich kam nicht weit. Zum x-ten Male meldeten die Nachrichten, die israelische Luftwaffe habe die bisher schwersten Angriffe auf Ziele im Libanon geflogen. Dann ein Interview, in dem der frühere israelische Premierminister und jetzige Oppositionsführer Netanjahu – darauf angesprochen, dass hinter der Hisbollah der Iran stehe – unumwunden erklärt: „Ich bin für eine Arbeitsteilung!“ Wobei „Arbeit“ hier bombardieren, zerstören, töten heißt und die „Arbeitskollegen“ die USA und Großbritannien wären. Schließlich die Nachricht, dass das israelische Militär seine Offensive noch weiter ausdehnt. Kurzum: Die Fakten sprechen für sich. Der Sachverhalt ist zu bedrückend, um damit zu geistreicheln.

Deutschland aufgewühlt

Wie sehr das Thema auch Deutschland aufwühlt, sah ich nach den zwei letzten Folgen dieser Kolumne an den vielen Zuschriften in meinem elektronischen Postfach. Darin zum Ausdruck kommen Mitleid mit den Opfern und das quälende Gefühl der Ohnmacht angesichts von Politikern, die keine klaren Worte finden für oder vielmehr gegen offensichtliche Kriegsverbrechen.
Frank H. schreibt:

Ihr Bericht über die aktuelle Situation ist dem Geschehen wirklich angemessen. Wer die „Bild“-Zeitung liest, muss fast den Eindruck haben, dass diese Zeitung das Kampfblatt Israels ist. Ein zerbombter Libanon, eine Umweltkatastrophe an der Küste Beiruts, die toten Frauen und Kinder von Kana, der versehentlich (?) getroffene UNO-Posten, das alles geht munter weiter, unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Es ist wie in den James-Bond-Filmen, Israel hat die Lizenz zum Töten. Schlimm, dass die ganze Welt, voller Wut, diesem Trauerspiel zusieht. Vielen Dank für Ihre offenen Kommentare.

Norbert W.:

Wollen wir hoffen, dass die Geschehnisse im Libanon nicht zur völligen Eskalation führen, obwohl ich auch hier denke, dass es so geplant ist.

Wolfgang W:

Vielen Dank für Ihren hervorragenden Artikel „So dumm sind wir nicht mehr, oder?“ Es tut gut, die Wahrheit zu lesen. Es ist furchtbar, diesen Wahnsinn mitzubekommen, ohne etwas tun zu können.

Matthias M.:

Die aktuelle politische Lage wird so manchem die Augen öffnen. „Ich kann gar nicht so viel fressen wie ich kotzen möchte.“ Ich bin Deutscher, Jahrgang 1980, und das Kriechertum ist mir zuwider. Leider wird von vielen nicht differenziert zwischen Zionisten und dem Rest der Juden, der selbst zu leiden hat; ich bin redlich bemüht, diesen Fehler zu vermeiden. Ich bin überaus dankbar dafür, dass Sie zu den Juden gehören, die sich kritisch gegenüber Gruppierungen aus den eigenen Reihen verhalten.

Bodo H.:

Hätten wir in Deutschland doch nur ein paar Politiker mit Ihrer mutigen Meinung!

H. W.:

Ihr Artikel „Das Opfervolk schlägt zurück“ in der National-Zeitung ist goldrichtig. Versuchen Sie doch einmal, ihn in „Die Welt“ zu publizieren...

Mike R. schreibt mir aus den USA:

Es ist bemerkenswert, dass die Bush-Regierung dem Libanon Hilfen in Höhe von 30 Millionen Dollar gibt, während sie gleichzeitig Israel mit Nachschub versorgt, um das Land zu zerschlagen. In Amerika lebende Libanesen, mit denen ich gesprochen habe, empfinden dieses 30-Millionen-„Geschenk“ als Schlag ins Gesicht. Deutsche Politiker sind nicht die einzigen, die gegen die Interessen ihrer Bürger arbeiten. Das Gleiche trifft auch auf ihre amerikanischen Gegenstücke zu.

„Jüdisch versippt“

Efrayim G. aus Tel Aviv, der meine Kolumnen schon länger kritisch begleitet, war dagegen unzufrieden. Er begrüßt mich mit „Oj wej, Gerard“ und endet „missachtungsvoll“, erinnert mich daran, ich sei doch auch „jüdisch versippt“ – das ist nun wirklich kein Geheimnis. Und er kritisiert meine Forderung „Wir müssen auf die Straße gehen!“ Ja was denn sonst, Efrayim?

„Jüdisch versippt“ zu sein ist in Wahrheit ein Grund mehr, Widerstand zu leisten. Deswegen hat Prof. Dr. Rolf Verleger, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, Recht, wenn er die Unterstützung der israelischen Militäraktionen durch den Zentralrat kritisiert: „Israel läuft in eine Sackgasse und das Judentum wird dahin mitgezogen.“

Henryk M. Broder (Journalist, Mitglied des sogenannten Publizistischen Netzwerks „Die Achse des Guten“, selbsternannter Antisemitismusexperte und fanatischer Apologet der „Verteidigung“ Israels im Libanon) hat mir zum Glück nicht geschrieben. Seine Briefe garniert er gerne mit starken Argumenten wie „Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?“ Stattdessen notierte Broder um 5.09 Uhr in der Früh ins exhibitionistische „Online-Tagebuch“:

Jetzt warten wir die nächste Klarstellung von Frau Rohlfs (deutsche Repräsentantin von Uri Avnery, der ebenfalls Broders Missfallen erregt hat; Anm. von G. M.) ab und vertreiben uns bis dahin die Zeit mit der Lektüre eines Artikels, den der bedeutendste Denker und selbstkritische Jude seit Hajo Meyer, Gerard Menuhin, für die National-Zeitung geschrieben hat: „Zu Begründung und Zielen der israelischen Offensive im Libanon“...

Wer ist Hajo Meyer? Autor des Buches „Das Ende des Judentums“ und Auschwitz-Überlebender. Weil er kritisch über Israel nachdenkt und die Entrechtung der  Palästinenser verurteilt, sind er und sein Verleger Abraham Melzer Broder verhasst. Und weil es ohne persönliche Angriffe bei Broder nicht geht, veröffentlichte dieser im nämlichen „Online-Tagebuch“ einen Beitrag mit der Überschrift „Wie zwei Juden für die Leipziger den Hitler machen“. Das Landgericht Frankfurt am Main verbot Broder mehrere darin enthaltene Aussagen als unzulässige „Schmähkritik“, bei der es „nicht mehr um die Auseinandersetzung in der Sache geht“. Seitdem scheint sich Broder in „feiner Ironie“ zu versuchen. Kein Wunder, dass so einer auch das durch nichts zu rechtfertigende Vorgehen der israelischen Regierung gutheißt. Du gleichst dem Geist, den du begreifst!

Gerard Menuhin