Menuhin und wie er die Welt sieht
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Ein Brief aus Deutschland

Dear Dad,

endlich habe ich Zeit, Dir zu schreiben. Leider ist Deutschland keineswegs, wie Du es mir beschrieben hast. Dabei habe ich mich so darauf gefreut, unsere deutschen Verwandten kennen zu lernen. Die Tante ist gerade wieder in die Klinik eingeliefert worden – Depressionen. Ihr Sohn hat seit vier Jahren keine Arbeit. Die drei kleinen Kinder leben in einem Raum und werden von der Mutter vor allem mit Konserven ernährt. Für Fleisch, frisches Obst und Gemüse ist kein Geld da, sagte sie mir. Die Alternative wäre ein täglicher Besuch bei einer Suppenküche.

Weihnachten steht für mich für Besinnlichkeit und Freude. Hier jedoch beobachte ich an den Adventssamstagen, was wir bei uns in Amerika „Shop ‘til you drop“ nennen. „Einkaufen bis zum Umfallen“. Ein krasser Widerspruch zu den Verhältnissen bei unseren Verwandten.

Unterwegs nach Berlin bemerkte ich im Bahnhof eine Wandtafel. Ich dachte zuerst, es sei ein Fahrplan oder die Hausordnung. Aber es handelte sich um eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg. Wusstest du, dass von diesem Bahnhof 2.103 Juden nach Auschwitz transportiert wurden?

Da ich soviel wie möglich sehen wollte, habe ich mich für eine Tour durch Berlin angemeldet. Sie fing am Brandenburger Tor an. Dann hat man uns durch das Holocaust-Mahnmal geführt und mit Statistiken gefüttert. Wir gingen zu einem „Ort der Information“. Ein Film wurde gezeigt über die schlimmen Ereignisse von damals. Wenig später war ein Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ an der Reihe, schließlich der Ort, an dem sich der so genannte „Führerbunker“ befand.

Ich entschied mich, früher als geplant nach München zu meiner Cousine zu fahren, da ich im Jahr 2006 nichts mehr vom Zweiten Weltkrieg hören wollte. Aber am Bahnhof stand schon wieder so eine Tafel, wo man erfahren konnte, dass 1.151 Juden im Jahre 1943 von dort deportiert worden waren.

München war mal was ganz anderes und ich genoss die Atmosphäre – bis ich mich plötzlich von einer Reihe bewaffneter Polizisten eingeschüchtert fühlte. Sie überwachten eine nagelneue Riesensynagoge mit ebenso großem „Gemeindehaus“. Der 70 Millionen Euro teure Gebäudekomplex soll das größte jüdische Zentrum Europas sein. Hier können sich die 9.000 Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde der Stadt treffen. Wie glücklich die Münchner sind, so eine reiche Stadt zu haben!

Meine Cousine, die Renate, hat viel Freizeit, weil sie keine Lehrstelle findet. Wir kamen mindestens sprachlich gut miteinander aus. Ich bat sie, mir einige bayerische Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Sie schlug vor, wir sollten uns Dachau anschauen. Warum das, fragte ich, ich wollte doch lieber in die Pinakothek der Moderne und nach Neuschwanstein. Weil ihr in Amerika so was nicht habt, meinte sie. Allerdings, sagte ich. Vielleicht, schoss es mir durch den Kopf, hätten wir wenigstens die Lager, in denen wir Amerikaner japanischer Herkunft während des Krieges eingesperrt haben, konservieren sollen, um dort heute kostenpflichtig Touristen durchzuführen.

Renate erklärte mir, hierzulande sei es fast Pflicht, dem nächstgelegenen KZ von Zeit zu Zeit einen Besuch abzustatten, um sich die deutsche Schuld an dem fürchterlichen Unrecht von damals vor Augen zu halten. Also gingen wir nach Dachau. Auf mich wirkte die KZ-Gedenkstätte etwas zu antiseptisch. In weißen Containern kauften wir für sechs Euro Tickets für den Rundgang und mieteten uns für weitere sechs Euro so genannte Audioguides. Renate schaute während des gesamten 2½ Stunden langen Rundgangs so grimmig, als ob sie das Ganze persönlich angestellt hätte. „Geht es Dir nicht gut?“ fragte ich sie. „Es wird mir immer schlecht, wenn ich denke, was wir Deutschen getan haben.“ „Hast Du aber nicht.“ „Möglich wäre es, es sitzt im Blut. Und es gibt noch Nazis. Deswegen braucht es uns, die ‚Antifa’.“ „Antifa? Komisches Wort. Warum seid ihr immer ‚anti’? Seid ihr nicht mal für etwas?“ „Doch wir sind für das Bleiberecht für alle, die aus ihren Heimatländern nach Deutschland fliehen!“ „Aber wer soll das bezahlen? Ich habe gelesen, dass schon jetzt in Deutschland die Gelder fehlen, um Schulen zu sanieren, um allen deutschen Kinder eine sichere Kindheit und Erziehung zu ermöglichen. Nicht einmal genügend zu essen haben viele. Bezahlst Du eigentlich Steuern?“ „Warum sollte ich? Ich habe keine Arbeit.“ „Aber essen und trinken kannst Du, weil es noch Leute gibt, die Steuern bezahlen.“ „Ach den Deutschen geht es eh zu gut!“ „Du bist auch Deutsche.“ „Ich wünschte, ich wäre es nicht.“ „Dann solltest Du nicht hier leben und von öffentlichem Geld profitieren.“ „Ach, was weißt Du schon, du bist ja Ausländerin!“

Am nächsten Tag fuhr ich gleich weiter, nach Köln. Als ich mir den prächtigen Dom ansah, begann es plötzlich heftig zu regnen. Ich lief, um mich rasch unterzustellen, und bin auf einem merkwürdigen Pflasterstein aus Messing ausgerutscht. Prellung der Wirbelsäule. Man hat mich ins Krankenhaus gebracht. Der Arzt sagte, dass diese Unregelmässigkeiten im Bürgersteig, obwohl sie eine Gefahr darstellen, absichtlich gelegt und völlig legal seien. Es gebe inzwischen 9.000 solche „Stolpersteine“. Jeder koste 95 Euro. Der sie erfunden hat, hat also schon 855.000 Euro eingenommen. Diese Steine sollen die Aufmerksamkeit auf die Namen einzelner Opfer der NS-Zeit lenken. Ehrlich gesagt, hatte ich nicht die Gelegenheit, mir die Aufschrift durchzulesen, ehe ich am Boden lag.

Als ich heute versuchte, ein wenig zu ruhen, kam eine Gruppe in die Orthopädie-Abteilung. Sie stellten ein Plakat „Aktion für Toleranz und gegen Rassismus“ und ein Puppentheater auf. Dann führten sie ein Stück über den Holocaust auf. Links und rechts davon Bilder und Statistiken. Wirbelsäule hin oder her – ich schob mich aus dem Bett, zog mich an, holte meine sieben Sachen und verließ das Krankenhaus. Wie sagst Du doch immer? Übermaß zeugt Schmerz!

Ja, Daddy, tut mir leid, Deine Heimat macht einen recht traurigen Eindruck. Die meisten Deutschen scheinen unter einer enormen Trostlosigkeit zu leiden. Die anderen wirken so, als ob sie sich nur für Dummheiten interessieren.

Your loving daughter,

Mary

Gerard Menuhin