Menuhin und wie er die Welt sieht
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Ein Gespräch unter zukünftigen Generationen

Erzähl mir, Papa, wie es war, als Deutschland wieder normal geworden ist!

Ich meine, es hat mit der armen Frau in Düsseldorf angefangen, dass die Deutschen aufgewacht sind. Sie ist auf einem dieser Stolpersteine ausgerutscht und am nächsten Morgen tot aufgefunden worden.

Einem Stolperstein?

Man verlegte damals in fast allen größeren deutschen Städten tellergroße Messingplatten im Gehweg. Sie sollten an Menschen erinnern, die sechzig Jahre vorher dort gewohnt hatten und von den damaligen Herrschern verfolgt worden waren.

Was du alles erlebt hast! Dann hätte ich auch so eine Platte für Urgroßvater vor die Tür legen können?

Du nicht. Uns gewöhnlichen Deutschen war es praktisch verboten, um unsere Toten in der Öffentlichkeit zu trauern. Unsere Regierung nannte uns „Tätervolk“. Berlin nannten sie „Hauptstadt der Täter“.

Ich mag es nicht, wenn du mich auf den Arm nimmst!

Ich nehme dich nicht auf den Arm. Das wurde sogar den Kindern so beigebracht. In der Schule wurde dauernd von Hitler gesprochen, und zwar in fast allen Fächern. Am Ende waren die meisten nicht mehr imstande, sich ein Urteil zu bilden. Es gab zum Beispiel einen Oberbürgermeister in Dresden, der es rechtfertigte, dass seine Stadt bei Kriegsende vernichtet wurde!

Auf alle Fälle hat das Unglück mit dem Stolperstein das Fass dann zum Überlaufen gebracht. Danach ging es ziemlich schnell. Deutschland war längst ein armes Land geworden. Es gab sogar mehr Arbeitslose als in den 1930er-Jahren. Die Leute hatten es plötzlich satt zu sehen, wie ihr Geld von der Regierung für alles Mögliche zum Fenster hinausgeworfen wurde. Deutschland musste sogar für die Kriege anderer Staaten zahlen und deutsche Soldaten mussten an ihnen teilnehmen.

Wieso denn das?

Das findest du verrückt, nicht wahr? Du kennst nur deine friedliche Heimat, die mit Österreich und der Schweiz im Bund der Neutralen vereinigt ist. Es droht heutzutage keinem Land mehr überfallen zu werden, weil es Amerika nicht gehorcht.

Was? Unser Lehrer nennt Amerika den „bankrotten Dinosaurier“. Und dem musste man gehorchen?

Genau. Damals war die Welt von den Nordamerikanern und ihren Verbündeten in gute und böse Länder aufgeteilt. Die bösen nannte man „Schurkenstaaten“.

Was haben denn die Politiker gesagt, als die Deutschen nicht mehr mitmachen wollten?

Die haben sich angepasst, was sonst?

PS: Das Gespräch war ursprünglich etwas länger ausgefallen. Seit der Gegenwart hat sich nämlich noch weit mehr geändert. Das ein oder andere in Deutschland ist beseitigt worden. Manches auf der Welt, von dem man noch 2005 glaubte, es sei für die Ewigkeit bestimmt, existiert nicht mehr. Aber das überlasse ich nun lieber Ihrer Phantasie.

Gerard Menuhin