Menuhin und wie er die Welt sieht
info@gerard-menuhin.de

Eine kleine Notlüge

Gespräch im Kanzleramt

Aber, Herr Goldfisch, was sagen Sie da? Diese Hemden haben doch eine Lebensgarantie! Sie sollten sogar für die Ewigkeit sein, haben Sie mir versprochen!

Meine liebe Frau Umerzogene, ich habe nie behauptet, die Hemden würden nicht auseinanderfallen. Eine Lebensgarantie heißt bloß, dass unsere Produkte bis ans Ende ihrer Lebensdauer halten – nicht, dass sie ein langes Leben haben.

Dabei habe ich ein solches Vertrauen in Ihre Firma gehabt! Als einige Knöpfe abgefallen sind, dachte ich mir, es wäre meine Schuld. Dann ist ein langer Riss am Rücken aufgetreten, ich musste ständig meine Jacke aus purpurfarbenem Baumwollsamt tragen. Aber ich war mir sicher, ich hatte lediglich eine falsche Bewegung gemacht, nie könnte es an Ihren Produkten liegen. Und jetzt sagen Sie mir in aller Gelassenheit, dass Ihre gesamte Ware fehlerhaft ist?

Wir bedauern es, glauben Sie mir. Aber wir müssen es zugeben. Sonst verlieren wir weltweit alle unsere Kunden.

„Aus dem speziellen Antigermania-Stoff”

Aber was sollen wir jetzt tun? Auch meine Vorgänger in diesem Amt standen hier und glaubten Ihnen, als Sie uns sagten, Ihre aus feinstem Rosstuch und dem speziellen Antigermania-Stoff fabrizierten Hemden seien das Beste, das wir tragen könnten.

Aber gnädige Frau Angela, Sie können doch nicht ernsthaft behaupten, Sie hätten nie geahnt, diese Hemden könnten in Stücke zerfallen!

Sie sind nicht in Stücke zerfallen, Herr Goldfisch, sie sind zerfetzt! Ja, ich habe immer geglaubt, wir seien eine entschlossene Mannschaft. Stellen Sie sich vor, Sie wären auf den Kopf gefallen. Oder besser: das Ende der Welt ist gekommen. So fühle ich mich. Sie können uns doch nicht auf einmal erklären, die ganzen Hemden seien wie von selbst auseinandergegangen! Das ist ein Dolchstoß!

Also, die Firma hat schon ein klein wenig gelogen. Es war eine Notlüge. Wir waren ein bisschen zu zuversichtlich. Ist das so schlimm?

Schlimm!? Es ist katastrophal! Wie werde ich dieses Debakel überleben? Wir gingen immer davon aus, dass Ihre Hemden makellos wären. Wir zogen sie morgens an und abends aus, ohne über ihre Zuverlässigkeit nachzudenken.

Wäre es besser, wenn ich es nach der Salami-Methode gesagt hätte? Am Montag: Manche Hemden sehen kritisch aus. Am Dienstag: Mehrere Hemden zeigen Zeichen von Ermüdung. Am Mittwoch: Es stellt sich heraus, alle Ärmel und Kragen sind abgefallen. Am Donnerstag: Auch mein Hemd ist durchlöchert. Am Freitag: Alle Hemden sind ganz durchsichtig geworden. Vielleicht so?

Es hätte die ganze Sache vielleicht ein wenig erträglicher gemacht, auch gegenüber den Medien. Ich muss mich hinlegen. Einen kühlen Waschlappen! Aah, danke. Was aber ist jetzt zu tun? Gibt es niemanden, der das Ganze wieder zurechtbiegen könnte?

„Nun stehen wir nackt da”

Leider nicht, liebe Frau Angela. Ich fürchte, dass alle, die das Wort ergreifen würden oder wollten, längst unglaubwürdig geworden sind, weil sie entweder schon in der Firma arbeiten oder seit Jahren für Werbung und andere Vertreterdienste bezahlt worden sind.

Ich nehme an, dass Sie keine Ahnung davon haben, welche Panik- und Wutanfälle es geben wird bei Deutschen, die Ihre Hemden von Kindheit an getragen haben und jetzt erfahren, dass es umsonst war. Es kann sogar zu Selbstmorden kommen.

Ehrlich gesagt, Gnädigste, müssen Sie zugeben, dass solche Menschen profitiert haben. Bis vor einigen Monaten boten meine Hemden einen Schutz ohnegleichen.

Und ich ging davon aus, dass wir Partner sind – so wie Regen nass ist und der Himmel über uns liegt. Auch meine Kollegen und Bekannten, die Mehrheit der deutschen Prominenten, die Ihre Hemden auch teuer gekauft und getragen haben. Jetzt erlebe ich Ihre einseitige Kündigung. Sind wir Partner oder sind wir es nicht?

Selbstverständlich sind wir weiter Partner in der Sache, verehrte Frau Vorsitzende. Aber wenn eine Ware nicht mehr zu verkaufen ist, muss man sie wegwerfen. Sonst werden wir als Wahnsinnige betrachtet.

Und was ist mit uns? Unsere ganze Zukunft war darauf gegründet, dass Ihre Hemden fachmännisch verarbeitet sind! Nun stehen wir nackt da. Sie haben uns betrogen.

Ich dulde keinen Antisem …

Kommen Sie mir doch nicht damit!

Schon gut. Weil ich gerade hier bin: Ich kann Ihnen eine ganz einmalige Gelegenheit anbieten. Sie sind die erste, die davon erfährt. Diese Brillen erlauben Ihnen, in die Zukunft zu blicken. Sie werden sehen, wie Ihre Zukunft rosig aussieht, wie Sie Ihr Amt noch Jahrzehnte behalten werden.

Ich kann meine Zukunft auch ohne Brille ganz klar sehen – und sie ist keineswegs rosig. Und jetzt gehen Sie!

Gerard Menuhin