Menuhin und wie er die Welt sieht
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Geht das so, Herr Verleger?
Oder brauchen Sie noch Schrecklicheres?

Die angebliche Autobiografie „Überleben unter Wölfen“ von Misha Defonseca, die die Geschichte eines jüdischen Mädchens auf der Flucht erzählt, hat sich als frei erfunden erwiesen. Defonseca ist nicht einmal jüdischer Herkunft. Ihr französischer Verleger Bernard Fixot, der weltweit die Rechte an dem Buch hat, sieht keinen Anlass, das Machwerk vom Markt zu nehmen: Es sei immer noch eine „sehr schöne Geschichte“, müsse aber künftig als fiktiver Roman gekennzeichnet werden…
Herrn Bernard Fixot
Paris

Sehr geehrter Herr Verleger!

Als ich über die unglückliche Familie Defonseca las, die sich erst vorgestern an ihr schreckliches Schicksal in Polen – war es das KZ Treblinka? – erinnerte, fiel mir ein: Das könnte ich ebenso gut gewesen sein. Zugegeben, ich bin erst 1948 geboren. Aber „so what?“, wie die Amerikaner zu sagen pflegen. Was machen denn einige Jahre aus, wenn es um einen potenziellen Bestseller geht?

Mir ging es nämlich sogar noch schlimmer als der Defonseca!

Es war kurz vor 18 Uhr, als sie zu mir kamen. Plötzlich zogen sie mich aus der Schublade, in der ich mich monatelang versteckt gehalten hatte. Sie sagten, sie seien „Immobilienhändler“, aber ich erkannte ihren Typ. Der Transport war bereit. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion kam ich nach Tribeca.

Ja, „Tribeca“, die berüchtigte „Triangle Below Canal Street“ in New York. Eine radikal-modische Gegend, wo jeder zweite irgendeiner Trendbeschäftigung nachgeht – typisch Goi.

Ich zitterte am ganzen Körper vor Angst. Um nicht vor lauter Schreck zu kreischen, hatte ich meinen Schal in den Mund gestopft. Die zwei riesengroßen Agenten packten mich unter den Armen, so dass meine Füße weit über dem Boden schwebten, und trugen mich mit fast unerträglicher Sanftheit in ein Lagerhaus hinein. „So, das ist es dann, mein Ende“, dachte ich. „Sie werden mich mit meinem eigenen Schal aufhängen, nachdem sie mich mit den üblichen amerikanischen Hershey-Schokoladenriegeln gefoltert haben. Ein qualvoller Tod!“ Aber sie schleppten mich nur fünf Stockwerke himmelwärts. Dort ließen sie mich allein, ganz allein, in einem enormen Raum. Er war völlig leer, sieht man von einem arabischen Teppich, einem Tisch, vier Stühlen, einem Sofa und einem Doppelbett ab. In einer Ecke war eine Küche, mit fürchterlich glänzenden Eisenwaren gefüllt.

Ich kroch stöhnend zur einzigen Tür. Wie ich befürchtet hatte, lag dahinter ein Badezimmer mit unerträglich hellen Lichtern. Ich schaffte es gerade zur Toilette und übergab mich dort. Gott sei Dank! Es war ja alles sonst so steril! Aus lauter Erschöpfung zog ich das Bettzeug zu Boden, wickelte mich darin ein und robbte unter das Bett.

Später lernte ich die anderen Bewohner dieses Kerkers kennen. Sie werden mir nicht glauben – kein einziger Jude! In New York! Wie war das möglich?! Was für erbarmungslose Gojim waren diese Makler? Als ich das erfuhr, wurde mein erschrockenes Gekreische so laut, dass einer meiner Nachbarn an der Tür läutete. Er fragte, ob er mir helfen könnte. Mir schwante sofort, wer er war. Ein Spion! Ich schlug ihm gleich die Tür vor der Nase zu.

Später stellte sich heraus, dass er tatsächlich nur helfen wollte. Was für ein Idiot! Als ob ich von Gojim Hilfe annehmen würde!

Unter solch selbstgefälligen Menschen zu leben, ist eine Tortur. Ich muss morgens schon um zehn Uhr von meinem 120-Quadratmeter-Loft fünf Stockwerke in dem alten Lastenaufzug hinunterfahren, um dann erst an der Ecke Washington und Canal Street meine Croissants und meinen Coffee zu holen. Dort fängt es schon an mit den schrillen, affektierten Stimmen der Reichen und Schönen. „Hast du die Tracy gesehen?“ „Hu, ja, in all dem Schmuck!“ „Ich wette, das hat mindestens eine Million gekostet!“ „Hast du mein neues Bild gesehen, das New York Magazine hat darüber berichtet.“

„Ein Capuccino mit Schokolade und Vanilleeis“, bestelle ich an der Theke. Die wollen mir nie einen einfachen Kaffee verkaufen. Wie üblich tut er zu wenig Zucker rein. Schon wieder ein Antisemit.

Ich schleiche unbemerkt davon. Ich habe keinen Ausweg, um aus diesem Lager (oder dieser Lage, wenn Sie so wollen) herauszukommen.

Das Allerschlimmste ist aber, dass ich zu jeder Zeit riskiere, angezeigt zu werden – als einer, der nicht dazugehört, oder als stilloser Trottel.

In meine Lackleder-Boutique für russische Zwerge kommt fast niemand. Entweder fehlen die Russen oder die Zwerge, oder vielleicht mag niemand mehr Leder. Nein! Man hasst mich, weil ich Jude bin. Ich bin von lauter Rassisten umzingelt. Wer ist dafür verantwortlich? An wen muss ich mich wenden, um Entschädigung zu bekommen?

Geht das so, Herr Verleger? Oder brauchen Sie noch Schrecklicheres?

In der Hoffnung, bald von Ihnen zu hören, grüßt

Moses Cohiba

Gerard Menuhin