Menuhin und wie er die Welt sieht
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Grüezi mitenand

Grüezi. Heute begrüßt Sie ganz bescheiden aus der Schweiz der „Alibi-Jude“ und „politisch naive Depp“ der National-Zeitung. Ich bereue von Herzen, was ich geschrieben habe, auch die Angaben über mich, da ich mich offenbar selbst nicht kenne. Denn in den letzten Tagen habe ich aus den Medien vieles über mich erfahren müssen, was mir bis dato unbekannt war. Ich sei schizophren, ein jüdischer Selbsthasser. Andererseits sei ich nur einer, „der sich als Jude bezeichnet“.

Was ist wahr an diesen wilden Behauptungen? Zunächst: Ich bin kein Chamäleon, sondern – tut mir leid, meine Damen und Herren von der dpa – Jude. Ich bezeichne mich nicht nur so. Und was ist an meiner Stellung so schwierig zu verstehen? Die Zahl der Juden nimmt zu, die sich schämen, mit jenen Zionisten in Verbindung gebracht zu werden, welche durch ihre Intrigen in Israel und anderswo Terrorismus förmlich züchten. In meiner Kindheit (als ich aus Gründen, die vielleicht sogar manch wichtigen Meinungsmachern verständlich wären, tatsächlich naiv war) und bis in die frühen siebziger Jahre konnten sich nur gebildete Personen in den Medien äußern. Es gab mehr Qualitätszeitungen, die diesen Namen verdienen – und kein Internet, wo jeder Mensch, sei er auch geistig noch so benachteiligt, seine Ignoranz aller Welt nachweisen kann.

Je verrückter und voreingenommener die Meinungen, die über mich kursieren, desto breiter mein Grinsen. Ich bin ein Mensch, der gern lacht und leider oft zu ernst wird, weil er täglich entsetzliche Geschehnisse beobachten muss, die von uns gewählte Politiker zu verantworten haben und die von den erwähnten Meinungsmachern meist gut geheißen werden. Deshalb ist mir auch mancher unfreiwillige Witz willkommen!

Aber Spaß beiseite. Schämen Sie sich nicht ein bisschen, meine Damen und Herren Journalisten, die es betrifft, Bezeichnungen wie rassistisch, ausländerfeindlich (ja in einem Blatt hieß es sogar „neonazistisch“) über mich zu kolportieren? Steht Ihnen kein gemässigtes, zutreffendes Vokabular zur Verfügung? Wenn Sie ständig mit solchen Wörtern herumwerfen, werden sie irgendwann zu kraftlosen Klischees. Wenn Sie einen solchen Ausdruck eventuell einmal wirklich gebrauchen müssten, wird er längst seine Bedeutung verloren haben. Ist das nicht schade?

Ich tauge nicht zum Schullehrer, aber ich erwarte, dass Folgendes auch dem letzten Meinungsbildner einleuchtet: Ein Rassist ist einer, der andere Rassen verachtet. Nur weil ich in Übereinstimmung mit wahrscheinlich 80 Prozent der Europäer den Politikern davon abrate, die Türkei in die EU aufzunehmen, bin ich kein Rassist. Ähnlich verhält es sich mit der Diffamierung als „Ausländerfeind“. Wer so viel gereist ist und in so vielen verschiedenen Ländern gewohnt und gearbeitet hat wie ich, kann kaum ausländerfeindlich sein. Ich unterstütze gleichwohl nicht die unbegrenzte Einwanderung, sei es nach Deutschland oder anderswo. Und was heißt „Neonazi“? Ein neuer Nazi? Ich und auch der Herausgeber der National-Zeitung mögen manches wollen, aber ganz sicher keinen Nazistaat. Ein solches Verhängnis genügte. Nein, danke!

Selbstverständlich sind diese meine Meinungen zu normal und vernünftig. Ein bisschen flau, was? Die schlagen keine Wellen, nicht wahr?

Das Lachen vergeht mir, wenn ich daran denke, es könnte ja Einfaltspinsel geben, die die Diffamierungen glauben. Also habe ich mich erkundigt, ob ich die Verbreiter solchen Unfugs oder ihre Publikationen wegen Verleumdung verklagen könnte. In England könnte ich das nämlich. Aber nicht in Deutschland – „wegen der Meinungsfreiheit“, wie mir ein Presserechtler versicherte.

Das hat mich dann doch verwundert, weil ich bisher den Eindruck hatte, dass die Meinungsfreiheit in England höher gehalten wird als in Deutschland. In England gibt es beispielsweise keinen Gummiparagraphen wie die deutsche Strafbestimmung gegen „Volkverhetzung“. Das paradoxe Ergebnis ist, dass man einen Juden in Deutschland sehr wohl diffamieren darf – wenn er nicht die politisch korrekte Meinung hat.

Liebe Leser, Ihr Land ist nicht mehr getrennt in Ost und West, sondern in medial Mächtige und Ohnmächtige, Meinungsmacher und Stimmlose. Leider sind die Mächtigen nicht die Besten.

Gerard Menuhin