Menuhin und wie er die Welt sieht
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„La Grande Nation“ jetzt auch gleichgeschaltet?

Die französische Tageszeitung „Le Figaro“ veröffentlichte am 10. Mai ein Interview mit dem einflussreichen amerikanisch-jüdischen Neokonservativen Richard Perle, das eine genaue Lektüre verdient. Perle war der vielleicht wichtigste Architekt des Irakkrieges. Seine Vorstellungen über atomare Kriegführung trugen ihm schon vor Jahrzehnten den Beinamen „Fürst der Finsternis“ ein.

Sarkozy – „Neokonservativer mit französischem Pass“

Perle ziert sich in dem Interview kokett, der Einordnung Sarkozys als „Neokonservativer mit französischem Pass“ ausdrücklich zuzustimmen. Er begrüßt unverhohlen die Wahl Sarkozys, der „frei von der gaullistischen Besessenheit sei, sich von den Vereinigten Staaten zu distanzieren“. Und: „Man hat französische Präsidenten gesehen, die mit uns Streit gesucht haben, selbst wenn dies den Interessen beider Länder zuwiderlief. Ich glaube nicht, dass Sarkozy das machen wird.“

„Sarkozy bekennt seine Freundschaft zu Israel, erkennen Sie sich nicht in seinen Wertvorstellungen wieder?“, fragt „Le Figaro“ Perle weiter. Und: „Rechnen Sie mit einem Wechsel der französischen Politik im Nahen Osten?“

Herr Perle kann tatsächlich mit Genugtuung und wir müssen mit Bedauern feststellen, dass das traditionell katholische Frankreich nun auf einen Schlag Teil der Achse Washington–Tel Aviv geworden ist. Dass es nun wie die BRD ein weiterer Satellit der einzigen Supermacht geworden ist – wie einst osteuropäische Länder zu Satelliten der UdSSR wurden.

„In France, a Jew!“

Am Tag nach der Wahl in Frankreich nahm eine Handvoll US-Zionisten neben mir im Frühstücksraum eines Hotels Platz. Ihr Anführer trug Sportjacke und Turnschuhe. Er war bester Laune und sprach seine Tischgenossen fast feierlich an: „In France, a Jew!“, sagte er mit anerkennendem Gesichtsausdruck, beinahe triumphierend.

In der Tat bemerkenswert: Das Land, in dem sich noch 1977 laut einer Umfrage nur 65 Prozent zu der Aussage durchringen konnten, ein Franzose jüdischer Abstammung sei ebenso Franzose wie jeder andere, wird jetzt von dem Sohn einer Nachfahrin sephardischer Juden aus Thessaloniki regiert.

Liebe Leserinnen und Leser, in meinem Buch „Die Antwort“ schrieb ich, das entscheidende Kriterium für die zionistische Lobby laute: „Ist es gut für die Juden?“ Trotzdem war mir natürlich durch den Kopf gegangen, ob ich da nicht übertreibe. Die Begegnung im Frühstücksraum bestätigte mir jedoch erneut: Ich übertreibe nicht. So ist es tatsächlich. Meine Tischnachbarn zeigten mit ihrer Reaktion, wie sie die Sache sehen: Frankreich wird aus ihrer Sicht nun von einem Juden mit französischem Pass regiert. Von einem Mann, den man nicht einmal wie die Merkel erst instruieren muss, zuerst nach Israel, dann nach Washington zu schauen, bevor er eine Entscheidung im Namen Frankreichs trifft.

Wurde Louis Normalverbraucher getäuscht?

Das französische Volk ist nun ganz wie das deutsche durch seine eigene Kurzsichtigkeit ausgeliefert. Wie Herr Sarkozy, ein „Migrantenkind“, es so weit gebracht hat, müssen wir uns nicht lange fragen. Das Netz ist allgegenwärtig.

Wie die Lemminge sind 53 % der französischen Wählerschaft den verlockenden Versprechungen des Herrn Sarkozy gefolgt. Obwohl es nur die alten politischen Leiern von „Recht und Ordnung“ und „wirtschaftlichem Aufschwung und Prosperität“ waren; obwohl die Wähler Sarkozy nicht lieben; obwohl Frau Royal gar nicht so weit links stand, dass es einen Grund gegeben hätte, vor ihr Angst zu haben. Aber anscheinend versprach sie nicht das Blaue vom Himmel herunter, also war sie weniger attraktiv. Bei aller Sympathie für den normalen Franzosen, den Louis Normalverbraucher sozusagen: Es ist schwierig zu verstehen, warum er sich die fundamentalen Fragen nicht gestellt hat.

Die Frage, zum Beispiel, wie die beinahe bürgerkriegsähnliche Lage, die Spaltung der Gesellschaft in Frankreich, mit den von Sarkozy vorgeschlagenen Mitteln zu bewältigen wäre. Herr Sarkozy hat vor, gewalttätigen Menschen die soziale Unterstützung zu streichen. Er hat vor, die zu belohnen, die arbeiten wollen. Dass die Mehrheit der Wähler in Frankreich so leicht in die populistische Falle gegangen ist, verwundert. Denn es ist rätselhaft, wie ein Staatsoberhaupt gegenwärtig – unter dem Druck der Öffentlichkeit und dem Zwang der EU-Gesetze – „Recht und Ordnung“ schaffen will. Selbst mit Hilfe der gefürchteten CRS-Polizeieinheiten. Ein gewalttätiger Mensch hört nicht auf gewalttätig zu sein, wenn man ihm das Geld entzieht. Im Gegenteil. Die Arbeitslosigkeit von 8,3 auf 5 Prozent zu reduzieren, setzt voraus, Millionen Arbeitsplätze zu schaffen. Und wie plötzlich die „Ehre der Arbeit“ in einer Spassgesellschaft entstehen soll, ist ebenso geheimnisvoll.

Frankreich war ein Leuchtturm der Andersdenkenden

Die „alten Werte“, die die Franzosen sich durch Sarkozy zurückwünschen, werden sie nicht bekommen. In einer zunehmend monotoner werdenden Welt, in der unsere Marionettenpolitiker ästhetische, geistige und moralische „Werte“ von der wertefreien „westlichen Wertegemeinschaft“ lernen und dann uns oktroyieren, war Frankreich immer ein Leuchtturm der Andersdenkenden. Mal erfreulich, mal irritierend, aber immer es selbst. Dieser Alleingang der Franzosen war uns wichtig; er zeigte uns, dass nicht alle auf ein Pfeifen aus Washington horchten. Im Gegensatz zu den Erfahrungen in Deutschland leistete die französische Regierung auch effektiv Widerstand, wenn es um den Verkauf von französischen Firmen ging. (Als im Jahr 2005 die amerikanische PepsiCo, Inc. den Danone-Konzern kaufen wollte, verhinderte Paris dies.) Nun müssen wir damit rechnen, dass es mindestens vorübergehend damit vorbei ist – umso mehr als Frankreich zentral regiert wird, die Regionen also weniger zu sagen haben als zum Beispiel die Bundesländer in Deutschland.

Inzwischen hat Sarkozy erklärt, er möchte eine offene Regierung bilden, also auch Mitglieder der Sozialistischen Partei einbeziehen. Das kann sein. Teilen aber manche dieser vorgeschlagenen Politiker möglicherweise mit Sarkozy einen gemeinsamen Hintergrund? Messen wir Sarkozy an seinen Taten, nicht an seinen Sprüchen!

Eine Außenpolitik, die den Ansprüchen Washingtons genügen wird

Das Ergebnis dieser Wahl war vorauszusehen: Sie hat Frankreich noch tiefer gespalten. In den Vorstädten ist bereits die Gewalt wieder aufgeflammt. Die Millionen Franzosen, für die Sarkozy nicht ihr Präsident ist, äußern sich wütend. Aber diese Reaktion erwartete der neue Präsident. Wie hätte es anders kommen können? Er weiß auch, dass es ihm – trotz seiner großen Machtfülle als Präsident – unmöglich sein wird, die Gewerkschaften von der 35-Stunden-Woche abzubringen oder sie von vielen anderen seiner großen Pläne zu überzeugen. Ihm ist das egal. Herr Sarkozy kann vorgeben, er tue sein Bestes und sich dann, resigniert, ganz der Außenpolitik Frankreichs widmen. Einer Außenpolitik, die allen Ansprüchen Washingtons, soweit sie auch Israel dienen, genügen wird. Deutschlandfreundlich ist Herr Sarkozy offensichtlich nicht. Aber ganz wie die Merkel wird er auf Weltreise gehen, um mediengerecht Hände zu schütteln, andere Marionetten anzugrinsen und nonkonforme Kollegen streng zu mustern.

Einer dieser streng zu behandelnden Kollegen, Wladimir Putin, wird derzeit durch die US-Pläne brüskiert, Raketenabwehrsysteme in Polen und der Tschechei zu stationieren. In Polen, einer fünften Kolonne Amerikas in Europa, ist man davon begeistert. Streitet man doch sowieso mit Russland und mit Deutschland über die Gas-Pipeline. Putin ist gezwungen zu protestieren. Und so werden die alten Feindbilder am Leben gehalten. Wem nutzt es? Nun, den Üblichen.

Gerard Menuhin