Menuhin und wie er die Welt sieht
info@gerard-menuhin.de

Mythologie statt Geschichte?
Nachbemerkung zu Eva Herman und Kardinal Meisner

Nur noch die wenigsten gehören der „Erlebnisgeneration“ an. Deswegen genügen heute leichthin geäußerte Klischees, um unsere Meinung von der Vergangenheit zu formen.

Je weiter ein Land sich von seiner Vergangenheit distanziert, umso gröber und überzeichneter wird das Bild von seiner Geschichte. Die Vorstellung vom Leben „damals“ trägt mittlerweile Züge karikaturenhafter Übertreibung. In dieser Form wird sie uns von „Journalisten“, die selbst kaum Geschichte gelernt haben, immer wieder neu aufgetischt. Noch grotesker geht es zu, wenn die Historie eines Landes von ignoranten Ausländern dargestellt und das Produkt wieder ins Heimatland importiert wird.

Cowboys, Butler und „five o’clock tea“

Das Ergebnis ist eine peinliche Befangenheit:
Amerikaner beispielsweise betrachten sich selbst wie Filmhelden – eine Nation von Cowboys und Kampffliegerassen. So ist Amerika durch die Unterhaltungsmedien ins Ausland exportiert worden und so möchten sich Amerikaner auch sehen.

In Großbritannien wird das Volk in den Sonntagszeitungen regelmäßig an unsterbliche Größen von gestern (Churchill, Montgomery etc.) und an die „Königin der Herzen“, Diana, erinnert. Altenglische Eigenheiten wie der „five o’clock tea“ oder der Butler sind weltweit bekannt – aber wer davon gehört hat, weiß dennoch nichts über England. Es geht um das Sensationelle und um das Oberflächliche.

Teehersteller machen ein gutes Geschäft damit, dass sie den Mythos englischer Teezeremonien in ihrer Werbung weitergeben. Man kann in London an einer „Butlerschule“ lernen, was dieser angeblich wissen sollte. Der US-amerikanische Millionär, der keine Ahnung hat, was ein Butler einst war – nämlich Herr einer Schar ihm untergebener Diener in den großen Häusern Englands – sucht per Inserat einen „Butler“, der alle Hausarbeiten erledigen soll, das Polieren von Schuhen inbegriffen. Heutzutage passt das bestens zu Großbritannien, das zu einem Amerika zweiter Klasse geworden ist.

Selbstverständlich helfen auch Hollywoodstreifen dabei mit, die Karikaturen am Leben zu erhalten. Und wenn ein Land seinen Charakter, seinen Weg, ja seine Seele verloren hat, sind solche grandiosen Inszenierungen willkommen. Amerika, auf Gewalt und Gier gegründet, ist nur insofern ein Sonderfall, als es – sieht man von den Ureinwohnern ab – nie eine amerikanische Seele gegeben hat.

Wie sieht es im Fall Deutschland aus? Stehen Goethe, Schiller, Beethoven und Bach im Mittelpunkt der in der Welt über Deutschland verbreiteten Ideen? Oder geht es da mehr um die zwölf Jahre des Dritten Reiches?

Lichtreich der Alliierten versus deutsches Reich der Finsternis?

Den Deutschen wird heute die nur noch religiös zu verstehende Vorstellung eingeredet, in der Zeit von 1933 bis 1945 seien das göttliche Lichtreich der Alliierten und das Reich der Finsternis der Deutschen gegeneinander gestanden. Differenzierungen sind unerwünscht. Das hat die arme Frau Herman am Leib erleben müssen.

Wie der Pawlowsche Hund auf den gewohnten Glockenton mit Speichelfluss reagiert, auch wenn es gar nichts zu fressen gibt, reagiert die deutsche veröffentlichte Meinung, wenn ein Wort verwendet wird, das schon im Dritten Reich gebraucht oder missbraucht wurde. Irgendein echter Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus ist gar nicht mehr nötig.

Kardinal Meisner ist nicht einmal schuldig, einen politisch unkorrekten Gedanken geäußert zu haben. Nein, es reichte das Wort „entartet“. Kurz danach schlossen sich die üblichen armseligen Gutmenschen gegen ihn zusammen. CDU-Lemper (Köln) möchte das Wort „entartet“ für tabu erklären. FDP-Spass-Guido nannte Meisner „intolerant und ignorant“ und hat sich sogar bei Gott bedankt – immerhin ein gottesfürchtiger Mann, der Guido: „Gott sei Dank spricht Kardinal Meisner in Sachen Kunst und Kultur nur für sich …“ Übrigens: Wenn bessere Zeiten kommen, werde ich das Wort „tolerant“ für tabu erklären, weil es zu den am meisten missbrauchten Wörtern der Gegenwart gehört und inzwischen für das Gegenteil steht …

Es ist ein Zeichen von Intelligenz, differenziert zu urteilen

Es ist ein Zeichen von Intelligenz, differenziert zu urteilen. Gerade das aber ist in Bezug auf die deutsche Vergangenheit höchst gefährlich. Wer es trotzdem tut, muss mit Konsequenzen rechnen.

Normalerweise legen wir eine auf schwarz und weiß vereinfachte Sicht der Dinge in der Kindheit ab. Nur das Ungeheuer in einem der unzähligen Frankenstein-Horrorfilme brummt Aussagen wie: „Brot gut, Feuer schlecht“. Trotzdem ist es zum Quasi-Gesetz geworden, dass sogar ein sonst intelligenter Mensch nur „Drittes Reich schlimm, Befreier gut“ dröhnen darf.

Hannah Arendt schrieb in ihrem bekannten Essay „Wahrheit und Politik“ von 1964: „Tatsachen sind der Gegenstand von Meinungen, und Meinungen können sehr verschiedenen Interessen und Leidenschaften entstammen, weit voneinander abweichen und doch alle noch legitim sein, solange sie die Integrität der Tatbestände, auf die sie sich beziehen, respektieren. Meinungsfreiheit ist eine Farce, wenn die Information über die Tatsachen nicht gewährleistet ist.“

Die Wahrheit ist, so Hannah Arendt, „das, was der Mensch nicht ändern kann; metaphorisch gesprochen ist sie der Grund, auf dem wir stehen, und der Himmel, der sich über uns erstreckt“.

Was aber macht man mit der Wahrheit, wenn man sie schon nicht ändern kann? In Diktaturen werden unbequeme Tatsachen verfälscht und unterdrückt. In der modernen Demokratie dagegen wird versucht, sie als bloße Meinungen abzuqualifizieren und gleichzeitig zu tabuisieren.

Gerard Menuhin