Menuhin und wie er die Welt sieht
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Nur ein jupiteranischer Selbsthasser

Bei Psychiater Prof. Dr. Schachtelstreichrübsa hat sich ein schwieriger Fall eingefunden. Lauschen wir, was in seiner Praxis vorgeht.

Schachtelstreichrübsa: Also, Herr Kleinkram, legen Sie sich auf die Couch und erzählen Sie mir alles, was Sie auf dem Herzen haben. Sie sagten mir am Telefon, dass Sie von Außerirdischen zum Jupiter entführt wurden?

Kleinkram: Ja, Herr Professor, so war es. Ich kam von der Arbeit und war fast zu Hause angekommen, als sie mich zwangen anzuhalten und mich unter Hypnose in ihr wirbelndes Rundflugzeug brachten.

S: Sie leiden unter Zwangsvorstellungen, mein armer Herr Kleinkram. Haben Sie sonst psychische Störungen? Fledermäuse im Glockenstuhl, wie wir Mediziner es nennen?

K: Ich bitte Sie, Herr Professor. Ich bin kerngesund, habe Frau und drei Kinder – und bin Bundestagsabgeordneter.

S: Wie Sie wollen. Wie hat es Ihnen auf dem Jupiter gefallen?

K: Ganz und gar nicht. Die haben versucht, an meinem Gehirn herumzubasteln. Aber ich bin Jass-Spieler und gebe nicht so leicht nach.

S: Schon wieder diese fixe Idee!

K: Man sagte, ich hätte neulich Zweifel gehabt.

S: Zweifel woran?

K: Ja, wissen Sie, am Verlauf der Dinge. Ob zwei und zwei nicht unbedingt fünf sind.

S: Zum Beispiel?

K: Zum Beispiel habe ich vor kurzem den eindrucksvollen Film „Der Baader Meinhof Komplex“ gesehen und danach ein Interview mit Stefan Aust, dem früheren Spiegel-Chefredakteur, im Radio gehört. Er sagte: „Als ich 12, 13 war, habe ich auch meinen Eltern unbequeme Fragen gestellt über das, was damals geschehen ist. Sie haben keinen Widerstand geleistet. Sonst wäre, was damals passiert ist, niemals passiert.“ Darauf kam mir die Frage: Was genau ist damals passiert? Ich meine, weiß der Aust das oder gehört er einfach zur umerzogenen Nachkriegsgeneration?

S: Das ist ja empörend, was Sie da von sich geben! Und Sie sind Bundestagsabgeordneter! Ich gebe Ihnen einen Rat: Vergessen Sie das alles! Ich werde auch vergessen, was Sie mir gebeichtet haben. Und was zwei und zwei angeht: Überlassen wir die Mathematik den Mathematikern. Unter welchen Gedanken leiden Sie noch?

K: Nun, ich meine seitdem laufend Jupiteraner zu sehen. Auch als vor kurzem im Fernsehen über eine Delegation aus London berichtet wurde. Lauter Bürgermeister und Ratsmitglieder. Unter ihnen die Bürgermeisterin von Westminster und der Adjutant des neuen konservativen Oberbürgermeisters von London.

S: Höchst unwahrscheinlich!

K: Auf einer Versammlung der britischen Labour-Partei legte sich ein junger dynamischer Jupiteraner namens David Milliband ins Zeug, der Außenminister Großbritanniens. Man sagt, er hat gute Chancen den unbeliebten Gordon Brown als Chef der Partei zu ersetzen. Obwohl bei der nächsten Wahl die Konservativen gewinnen müssten, hat Herr Milliband alle Zeit der Welt, um Premierminister zu werden.

S: Also Herr Kleinkram! Meine fachmännische Diagnose lautet: Ein Spatz hat Ihnen ins Hirn geschissen.

K: Warten Sie! Dann habe ich im Internet über britische Abgeordnete nachgeschaut. Wussten Sie, dass es in Großbritannien, obwohl die dortige jupiteranische Gemeinde 20-mal kleiner ist als die der USA, 59 jupiteranische Abgeordnete gibt. 18 davon sitzen im Unterhaus und 41 im House of Lords. Laut offiziellen jupiteranischen Quellen sollen es sogar 46 sein. Nur auf Jupiter sitzen mehr jupiteranische Gesetzgeber.

S: Mein Armer, Sie sind besessen!

K: In den Staaten sind 13 Senatoren und 30 Mitglieder des Repräsentantenhauses jupiteranisch. In Frankreich sind es 18 Abgeordnete und es regiert Herr Sarkozy. Der Direktor des World Jupiteranian Congress stellte fest, dass die Zusammenarbeit unter jupiteranischen Gesetzgebern in den letzten Jahren zugenommen hat.

S: Bitte wieder hinlegen! Sonst muss ich Ihnen eine Spritze geben!

K: Aber es stimmt schon, nicht wahr? Zum Beispiel schreibt der Menuhin über die Hintermänner …

S: Sie sollten diesen paranoiden Menuhin nicht lesen. Was er sagt, ist falsch. Er ist nur ein jupiteranischer Selbsthasser. Hat der Arno Lustiger, ein Experte auf diesem Gebiet, über ihn gesagt.

K: Wie wird man Experte auf diesem Gebiet?

S: Nun, ich nehme an, dass Herr Lustiger das mit der Muttermilch aufgenommen hat. Er weiß es halt instinktiv. Er ist auf Lebenszeit Ehrenmitglied der Intergalaktischen Organisation auf Jupiter. Herr Lustiger ist doch 84.

K: Sehr lustig. Zu alt also, meinen Sie, um seine Masche zu überdenken?

S: Im Gegenteil: Anscheinend sind Sie zu jung und zu unreif, um die Vorteile der Übereinstimmung erkannt zu haben. Übrigens stellen Sie zu viele Fragen.

K: Nur unter uns, Herr Professor, wäre es nicht erfrischend, wenn Menuhin recht hätte?

S: Ihre Zeit ist abgelaufen. Das macht 246 Euro. Kommen Sie nächste Woche wieder.

Gerard Menuhin