Menuhin und wie er die Welt sieht
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Sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt

„Die Nacht der lebenden Toten“ (1968). Habt Ihr diesen Film gesehen? Es geht um Mengen von Zombies (zum Leben erweckte Tote – „Untote“), die sobald es dunkel wird aus ihren Gräbern steigen und die Lebenden jagen. Während die Zombies auf steifen Beinen vorrücken, fordern sie stöhnend: „Gehirne!“ (englisch: „Brains! Brains!“). Sie sind nämlich auf die Gehirne von lebendigen Menschen angewiesen, um ihren Zustand zu erhalten. Logo.

Nachdem ich dieses Meisterstück gesehen hatte, suchte mich ein wirrer Albtraum heim:

Anstelle anonymer Statisten, die im Film die Untoten spielten, traten unter anderem bekannte Politiker und Abgeordnete auf, die wir täglich im Fernsehen dabei betrachten können, wie sie uns ihre verdrehte Sicht der Welt aufzupropfen versuchen. Da waren der Pofalla, der „Ecki” von Klaeden, der Beck, der Sigmar. Angeführt wurden sie von Innenminister Schäuble, dem einzigen, der seinen Gang einigermaßen im Griff hatte. Dann manche Wirtschafts- und Medienprofiteure.

Bald vernahm ich ein Brabbeln über schnelle Angriffstruppen in Afghanistan, tiefste Arbeitslosenzahlen seit unvordenklichen Zeiten, SPD-Kanzlerkandidaten und weitere Wunschgedanken. Es wurde von einem anschwellenden Getöse ersetzt. Ich spitzte die Ohren. „Gehälter!“, hörte man. Zweifellos.

Aber das war nur ein Traum. Klar. Politiker, die dem Lissabonner Vertrag, oft ohne ihn zu lesen, zugestimmt haben, sind doch nicht ihrer Seele beraubte, willenlose Zombies. Natürlich nicht.

Ich wälzte mich im Bett, aber es kamen nur noch schlimmere Bilder. Biblische Szenen. Ein Ferkel stürmte den Schweinen von Gerasa voran.

Für anständigen Umgang mit Wachsfiguren

Am folgenden Tag erschrak ich, als ich manche der „Prominenten“ bei Madame Tussauds in Berlin wiedererkannte. So lebensecht waren sie. Dann erblickte ich in einer Ecke einen Mann in Uniform, über einen Schreibtisch gebückt. An ihm war nur besonders, dass er kopflos war. Ich schauderte. Könnte es sein, dass außerhalb der Öffnungszeiten manche Wachsfiguren sich an anderen mästeten? Der Gedanke war zu fürchterlich. Ich erkundigte mich bei dem Aufseher. Er beruhigte mich. Es stellte sich heraus, dass ein Wahnsinniger den Kopf dieser Figur – ein Mann aus der Vergangenheit namens Hitler – abgerissen hatte, um gegen Krieg zu protestieren.

Diese edle, aber völlig unwirksame Geste blieb mir schleierhaft. Sie besagt wohl mehr über den Geisteszustand jenes Armseligen. Wenn er sich tatsächlich gegen Krieg hätte handgreiflich äußern wollen, es hätte in nächster Nähe allerlei Exemplare von gegenwärtig Mächtigen gegeben, die täglich dafür sorgen, dass Krieg und Unheil im Namen Deutschlands weitergeführt werden. Wieso hat der Mann da eine für die heutigen Verhältnisse nicht verantwortliche Nachbildung angegriffen und verstümmelt?

Als ich am Abend einschlief, erschienen mir wieder Lebende und Tote. Ganz besonders ein Selbstpublizist, der in dem Ereignis ein „Attentat” erkennen wollte; ein Abgeordneter, der die Tat „Kunst“ nannte; ein Altkanzler, dessen Wachsbildnis auch bei Madame Tussauds war, meinte dagegen, es sei alles sehr unseriös und anstandslos und er wolle vor Gericht klagen. Mit diesen Albernheiten meldete sich der Vortag zurück.

Eine Botschaft?

Mich aber wollte eine Frage nicht loslassen. Könnte mein Traum eine Botschaft sein? Wenn ja, ging es vielleicht darum, wie sich der Bürger gegen gehälterhungrige Politiker wehren sollte? Wenn ein unübersehbarer Anteil des deutschen Volkes, darunter unzählige Kinder, sich schon jetzt mangels Geld kaum ernähren können und doch weiter von unersättlichen lebenden Toten heimgesucht werden, wo wird es enden? Wenn sich einer dieser Untoten daran gewöhnt hat, sein Gehalt auf Wunsch zu erhöhen, und sich im Hals des Volkes festgebissen hat, wie ist er wegzukriegen?

In einem späteren Film desselben Genres, „Verdammt, die Zombies kommen“ („Return of the Living Dead“, 1985), sind die Untoten nur unschädlich zu machen, wenn man sie im Hirn trifft. Da ich Gewalt aller Art rigoros und grundsätzlich ablehne, schlage ich vor, das deutsche Volk sollte sich mit silbernen Kreuzen und Knoblauch (Rechtschreibung beachten) bewaffnen und gegenüber allen Verdächtigen entschlossen auftreten. Auch beim Besuch im Bundestag auf der Galerie. Wer weiß, ob eine solch unschuldige und religiöse Aktion nicht eine positive Wirkung haben könnte?

Gerard Menuhin