Menuhin und wie er die Welt sieht
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So dumm sind wir nicht mehr, oder?
Zu Begründung und Zielen der israelischen Offensive im Libanon

Haben Sie es geahnt? Ich jedenfalls habe an diese Möglichkeit nicht im Voraus gedacht. Ich glaubte, es würde entweder einen Angriff der US-Streitkräfte aus dem Irak beziehungsweise einen Luftangriff von US-Stützpunkten aus (auch möglicherweise von solchen in Deutschland) oder einen israelischen Luftangriff geben.

Aber es läuft anders:

Zwei israelische Soldaten sind entführt worden. Von libanesischem Staatsgebiet aus sind (als Reaktion auf Auseinandersetzungen im Gaza-Streifen zwischen der Besatzungsmacht Israel und den Palästinensern) Raketen auf israelische Siedlungen abgeschossen worden, was den Hisbollah-Milizen zugeschrieben wird. Die im Südlibanon befindlichen UN-Truppen konnten das nicht unterbinden.

Auf diese lokalen Ereignisse folgte eine vollkommen unverhältnismäßige Reaktion: ein Einfall im Libanon. Es handele sich nur darum, eine „Pufferzone“ zu errichten, sagt Israel. Haben wir das Recht, dies zu bezweifeln oder uns dazu unsere eigenen Gedanken zu machen? Natürlich nicht.

Herr Bush hat seine Zustimmung gegeben, als er proklamiert hat, Israel dürfe sich verteidigen. Ob dies als das neueste Beispiel von Orwell’schem Neusprech einzustufen ist, wo Angriff „Verteidigung“ genannt wird, dürfen wir nicht entscheiden.

Wer spricht von den Palästinensern in Israels Gefängnissen?

Ist Israel gerechtfertigt, wenn es mit der Begründung, man wolle die zwei Soldaten befreien, Hauptstadt, Flughäfen und Häfen des souveränen Staates Libanon tagelang bombardiert? Wenn es Unzählige bis jetzt in Frieden lebende Normalbürger tötet und bald eine Million Menschen in die Flucht getrieben haben wird?

Ich sage Nein. Das Leben eines Soldaten ist riskant. Er trägt eine Uniform und eine Waffe. Es kann dazu kommen, dass er im Laufe seines Dienste verwundet oder sogar getötet wird. Die Geschichte ist voll von Soldaten, die ihr Leben ließen.

Ah, sagen Sie, hier geht es aber um israelische, also jüdische Soldaten, die haben besonderen Wert. Für das Leben zweier israelischer Soldaten muss nun eben ein ganzes Land leiden. In diesem Fall der gerade erst wiederaufgebaute Libanon.

Nein, Unsinn, denn die Bombardements sind vollkommen ungeeignet, die beiden Soldaten zu befreien. Im Gegenteil steigt dadurch die Gefahr für sie. Und vergessen Sie nicht die Kehrseite der Medaille: Nach einem statistischen Bericht des palästinensischen „Ministeriums für Angelegenheiten Gefangener und Inhaftierter“ vom März 2006 befinden sich mehr als 9.400 Palästinenser in 28 israelischen Gefängnissen und Lagern. Seit 1967 habe die israelische Armee mehr als 650.000 Palästinenser inhaftiert. Allein seit dem Ausbruch der zweiten Intifada im September 2000 seien mehr als 4.000 Kinder in Gefängnisse gebracht worden. Fast alle inhaftierten Kinder seien gefoltert worden. Niemand hat sich über die gefangenen Palästinenser aufgeregt. Warum ist jetzt die Welt in Aufruhr, da zwei israelische Soldaten entführt wurden?

Israels Truppen dringen in Syrien, US-Kräfte im Iran ein?

Aber vielleicht sehen wir die Sache zu einfach. Geht es hier möglicherweise um viel mehr? Wird hier unter einem Vorwand der Schlag gegen Syrien und den Iran vorbereitet? Schon erklärt Bush, dass die USA „eine langfristige Lösung“ anstreben. Syrien und Iran gefährdeten mit ihrer Unterstützung für die Hisbollah den gesamten Nahen Osten und stünden einer Beilegung der gegenwärtigen Krise im Weg. Und so lehnen die USA einen sofortigen Waffenstillstand ab, weil dies „keine Lösung“ sei.

Israel ist ein nahöstliches Land und es funktioniert wie andere nahöstliche Länder auch. In Israel steht die Regierung unter dem Einfluss kleiner extrem religiöser Parteien, auch wenn diese das ganze Land und die Bevölkerung in Gefahr bringen. Israel weiß, dass die Hisbollah durch Druck auf Beirut nicht wegzubekommen ist, weil das nicht in der Macht der libanesischen Regierung steht. Ebenso wenig wie Arafat die Bedingung erfüllen konnte, er solle der Hamas die Waffen entziehen, bevor Israel mit Friedensgesprächen anfangen würde.

Wahrscheinlicher ist also, dass diese Entführung – was für eine glückliche Fügung, nicht wahr, wie auch immer es zu ihr gekommen sein mag! – von Israel benutzt wird, den Überfall auf den Iran vorzubereiten – mit der Unterstützung Washingtons, das doch seit langem diese Absicht verfolgt. Ich kann mir schon die militärischen Operationskarten vorstellen, auf denen die breiten farbigen Pfeile eingezeichnet sind, die die Truppenbewegungen darstellen. Diese Pfeile zeigen israelische Kräfte, die durch den Libanon Richtung Syrien dringen, und US-Kräfte, die aus dem Irak in den Iran vorstoßen. Wir müssen davon ausgehen, dass derartige Pläne existieren. Die Türkei als NATO-Verbündeter bleibt neutral, dient aber als Luftstützpunkt der US-Streitkräfte. Die atomar bewaffneten israelischen U-Boote aus deutschen Werften sind im Mittelmeerraum, aber auch im Persischen Golf aktiv, von wo aus sie den Iran bedrohen können. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis dieser Angriff – Entschuldigung: dieser neue „Krieg gegen den Terrorismus“ – offiziell gemacht wird.

Frau Merkels Rolle

Und Frau Merkel, was ist denn ihre Rolle? Darf sie mitspielen oder ist Deutschland nur Klatschbase? Nun, Frau Merkel wird tun, was ihr von Bush vorgeschrieben wird. Und nicht weil sie an irgendetwas glaubt. Sie ist das ideale Werkzeug, denn sie lässt sich von schlauer Berechnung leiten. Merkel glaubt nicht mehr an Amerika oder an die deutsche Allgemeinschuld als sie an die Sowjetunion oder den Kommunismus geglaubt hat, während sie für Agitprop in der DDR mitverantwortlich war. Frau Merkel ist eine moderne Politikerin. Als mein Vater einmal François Mitterrand fragte, was seine nützlichste Tugend sei, antwortete er: „die Gleichgültigkeit“. Damals war das sehr fortschrittlich; heute ist es für jeden erfolgreichen Politiker erforderlich. Das deutsche Volk jedenfalls hat von seinen derzeitigen Repräsentanten überhaupt nichts zu erwarten – nur die Missachtung seines Willens und seiner Interessen, sprich: den Verrat.

Der Nahe Osten, Afghanistan, der Kongo sind keine deutschen Baustellen. Gute Beziehungen auf menschlicher und wirtschaftlicher Ebene sind eine Sache. Aber im Übrigen muss Deutschland eiserne Neutralität halten. Internationale Friedenstruppen? Blauhelme? Leere Begriffe. Geldverschwendung. Wie die Blauhelmtruppen oder „Beobachter“, die gegenwärtig im Libanon stationiert sind. Eben nur Beobachter. Beobachten können wir auch aus der Ferne. Kostet keinen Pfennig. Tun hingegen können wir nichts – schon gar nicht gegen barbarische Akte der Vereinigten Staaten oder Israels.

Gerard Menuhin