Menuhin und wie er die Welt sieht
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Souvenir, Souvenir
Oder: Die Jagd geht weiter

Vor kurzem starb im Alter von 117 Jahren Schmuel Widersinner, dessen Name unsterblich bleibt. Er war einer der bekanntesten Souvenir-Jäger der Nachkriegszeit. Gestern hatte ich das große Glück, den Fischer, der zu den engsten Mitarbeitern des Widersprecher gehörte, zu treffen. Ich kam mit Fischer ins Gespräch und fragte ihn nach seinen Erinnerungen an den großen Mann. Wie war der Wienersinner überhaupt zu seiner Berühmtheit gelangt, fragte ich ihn? Ich bekam aber keine rechte Antwort.

Anfangs schrieb er wohl an Gleichgesinnte, um seine Dienste als Souvenirjäger anzubieten. In manchen amerikanischen Kreisen war er sehr erfolgreich. Er bekam beeindruckende Summen zur Förderung seiner weltweiten Tätigkeit. Damit ging der Wiederstrecker auf allen Kontinenten auf die Jagd. Er verfehlte kein noch so unbedeutendes Objekt. Nach einigen Jahrzehnten, als sich längst die winzigsten Befunde, Beweise und Gerüchte (sowie Gerüchte über Gerüchte und selbst über flüchtige Blicke) und die damit verbundenen Dokumente anhäuften und drohten, ihn aus seinen Büroräumen zu drängen – einmal musste er laut Fischer sogar aus einem Haufen Papier und vergammelter Beweisstücke ausgegraben werden –, ist ihm ein besonders wertvolles Andenken über den Weg gelaufen. Und zwar in Lateinamerika. Leider waren aber andere, mächtigere Sammler schon vor ihm fündig geworden und schnappten ihm das gute Stück weg. Das war dem Widerspenster zu viel. Bis zum Ende seines Lebens behauptete er, die Entdeckung dieses Souvenirs sei sein Verdienst. Und so sehen manche Experten in diesem Fehlschlag den Höhepunkt seiner Laufbahn.

Warum er nicht früher in den Ruhestand gegangen sei, wollte ich von dem Fischer wissen. Wusste der Wienersemmel denn nicht, dass er viele – sicherlich völlig unwichtige – Normalbürger durch seine unendlichen Nachforschereien zum Teil aufwühlte, zum Teil langweilte? Der Fischer schüttelte ungeduldig mit dem Kopf: „Ich wagte einmal, ihn zu fragen: ‚Meister, was kam zuerst? Das Souvenir oder der Souvenir-Jäger? Huhn oder Ei?’ Er erwiderte nur: ‚Es gibt keine Wahrheit ohne Gerechtigkeit und keine Gerechtigkeit ohne Wahrheit.’“ Obwohl diese Antwort Fischers mir schleierhaft blieb, musste ich mich damit zufrieden geben.

Es ist umstritten – trotz der enormen finanziellen Unterstützung –, wie viele Souvenirs der Widerklops eigentlich gefunden hat. Auch sind die meisten, die ihn kannten und die zur „Wahrheit“ über ihn hätten beitragen können, mittlerweile gestorben.

All das ist heutzutage völlig unwichtig, meinte der Fischer. Hauptsache, der Wienertaler wird von fast allen Politiker, Medien und anderen Meinungsmachern der Gegenwart hochgepriesen. Und in Amerika wird das Schmuel-Wienersinner-Zentrum seine unschätzbare Arbeit in alle Ewigkeit weiter treiben, um die internationale Brüderschaft der Souvenir-Jäger auf Trab zu halten, versicherte mir der Fischer mit fanatisch-glänzendem Antlitz – und trat in eine Schlammpfütze.

Gerard Menuhin