Menuhin und wie er die Welt sieht
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Tag der offenen Türen

Als Redakteur der Saturnier-Gazette habe ich eine erfreuliche Meldung. Endlich sind auch wir dran! Jahrzehntelang schien es, als ob nur die Jupiterianer gelitten hätten. Aber jetzt hat sich das Zentralkomitee der Saturnier durchgesetzt. Auch wir bekommen unseren Anteil.

Als Konsequenz der vor langer Zeit an uns verübten Verbrechen werden in Zukunft im Bundesland Rhenania an einem Wochenende im Jahr alle Türen offen stehen. Die Wohnungsbesitzer werden gebeten, ihre Wohnungen zu verlassen und die Tür für mögliche Besucher aus der Gemeinde der Saturnier offen zu halten. Falls bei der Wiederkehr der Bewohner irgendwelche Souvenirs entliehen sein sollten, stellt das Land dafür Ersatz.

Unabhängig davon wird die Sprache, Kultur und Identität der in Rhenania lebenden Saturnier (immerhin fast 0,2% der Bevölkerung) mit mehreren hunderttausend Euro gefördert. Es ist ja bundesweit bekannt, dass die öffentlichen Kassen des Landes vor Geld überlaufen.

Es war höchste Zeit, dass dieses Land sich als erstes Bundesland zu seiner besonderen historischen Verantwortung gegenüber den Saturniern bekennt und die an ihnen verübten Verbrechen wiedergutmacht, an die kaum einer sich so genau erinnert wie Ministerpräsident Kuno Schpek.

Vor kurzem sprach ich mit Gerda Betagte, die in der rhenanischen Landeshauptstadt zur Miete wohnt. „Jawohl“, sagte die 76-jährige Rentnerin und nickte mir freundlich zu, „ich bin selbstverständlich dafür, dass ehrliche Saturnier sich bei mir in meiner Abwesenheit bedienen. Ich habe zwei Apfelkuchen bereitgestellt und meine Ersparnisse auf den Küchentisch gelegt, falls diese von Interesse wären.“ Gerda Betagte schämte sich zugeben zu müssen, dass sie sprachlich unbegabt sei. Auf Saturno kenne sie nur den Ausdruck „Wo das Geld?“. Ob ich deshalb beleidigt sei, wollte sie wissen. Aber ich beruhigte sie.

Die alte Dame hatte eine wirklich vorbildliche Einstellung: „Ich werde mich ein bisschen an der frischen Luft erholen, bis die guten Besucher wieder weg sind und mich dann zuhause mit dem begnügen, was übrig ist. Unser Ministerpräsident ist halt ein Humanist. Er hat bestimmt Recht, es ist ganz logisch, Geld im Namen von längst Verstorbenen auszugeben und jetzt Lebende büßen zu lassen. Wir wollen bezahlen für die schrecklichen Erlebnisse, die dieses Volk einst über sich ergehen lassen musste.“

Dann trübte sich ihr Blick: „Was mache ich in den Zwischenzeit mit meinem Enkel, der bei mir wohnt? Unter der Woche könnte er vielleicht zwei oder drei Stunden zusätzlich beim Arbeitsamt verbringen, ehe er nachhause kommt. Aber am Wochenende?“

Frau Betagte hing weiter ihren Gedanken nach: „Ich weiß gar nicht, ob ich sie erkennen würde. Heißt es nicht, dass viele von ihnen Daimler mit Wohnwagen fahren? Bei diesen Benzinpreisen könnten die Armen ohne eine kleine Belohnung ja kaum die Fahrt zu mir bezahlen!“

Es wird uns vorgeworfen, dass eine Anzahl von Saturniern sich vorübergehend an angenehmen Orten niederlasse und dann weiterziehe, wenn das Klima zu warm wird. Das ist ungerecht. Die mobilen Saturnier sind keine nichtsnutzigen Touristen. Sie versuchen stundenlang, sich in die jeweilige örtliche Bevölkerung zu integrieren und sind auch keineswegs untätig. Nicht wenige von ihnen haben alle Hände voll zu tun, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Welches Bundesland wird als nächstes unseren gerechten Forderungen zugunsten der Saturnier nachkommen und damit den bisherigen unhaltbaren Zuständen in Deutschland ein Ende setzen?

Gerard Menuhin