Menuhin und wie er die Welt sieht
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I. Von Erdgas und Ballaststoffen

In Amerika lebt und denkt man unkomplizierter als in Europa. Das heißt leider auch, dass für amerikanische Verhältnisse alles ein bisschen eintönig sein muss, um den Einheimischen nicht misstrauisch zu machen. Deswegen trinken Amerikaner so gern süßes, geschmackloses Bier, tiefgekühlten Weißwein oder Wodka gemischt mit irgendeinem Saft. Frühstücks-Nahrung muss farbig sein, erst dann kommt der – möglichst süße – Geschmack zur Geltung. Und bei Cornflakes etc. wird erst alles Natürliche eliminiert, um danach Vitamine zuzugeben.

Sind wir in Europa auch schon so weit? Man nehme einen deutschen Politiker, überschütte ihn mit Dienstwagen, Diäten und Reisemöglichkeiten, poliere ihn auf mit einem freundlichen Grinsen und einer Streifenkrawatte, halte ihm ein Mikrofon unter das Kinn, mit dem er die unter den Parteikumpeln abgesprochene Propaganda von sich geben kann. Bis hierhin ist das Rezept seit Jahrzehnten bekannt. Jetzt aber möchten die Herren Westerwelle und Struck einen Ehrenkodex als Zutat drauflegen – wie bei den Cornflakes die Vitamine. Meine Herren, das mag bei Frühstück-Nahrung funktionieren, bei den deutschen Politikern käme ein Ehrenkodex viel zu spät, um die Wirkung der sonstigen Inhaltsstoffe aufzuwiegen.

Die Ballaststoff-Produkte von Kellogg’s haben immerhin „den praktischen Wiederverschluss“. Den könnten wir vielleicht gebrauchen! Am besten gleich für unsere „Angie“, die sich wie der ignoranteste Tourist über Glanz und Schein Amerikas freut, die sofort nach Amtsantritt nach Polen gereist ist, aber nach Russland nur ihren Außenminister geschickt hat.

Zurück zum „Ehrenkodex“. Wenn unter der Regierung Schröder trotz hoher Arbeitslosigkeit, EU-Osterweiterung, Auslandseinsätzen der Bundeswehr und sonstigen verschwenderischen Ausgaben es doch zu manch Gutem für Deutschland gekommen ist, dann gehört dazu zweifellos der Vertrag über die Ostsee-Pipeline. Der ist dank der Schröder’schen Politik und seiner Freundschaft mit Putin zustande gekommen. (Selbstverständlich könnte man meinen, Deutschland hätte unter früheren Regierungen sein Recht auf einen angemessenen Anteil am Nordseeöl behaupten können und wäre dann heute besser mit Energie versorgt, aber das ist eine andere Geschichte.)

Während jetzt die Bundeskanzlerin die Beziehungen zu Russland und zu Frankreich zurückfährt, sichert Bundeskanzler a. D. Schröder die Fortsetzung dieses für Deutschland wichtigen Projekts. Wer könnte es besser? Für seinen Einsatz darf er auch belohnt werden. Nur wäre es vielleicht vernünftiger, wenn er erklären würde, diese Tätigkeit ehrenamtlich auszuüben. Immerhin hat er mehrere andere Möglichkeiten, sein Einkommen zu verbessern.

Alle sehen die Sache aber nicht so. Spass-Guido erblickte darin einen willkommenen Anlass für eine moralische Lektion: Ehrenkodex! Der frühere Verteidigungsminister Struck sicherte uns zu, er „würde es nicht tun“. Logisch! Niemand würde ihm das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden antragen, ist er doch ersichtlich nicht fähig zustande zu bringen, was Schröder in Sachen Pipeline zustandegebracht hat.

II. Redakteur Kronsbein

Auf merkwürdige Weise bin ich – „Sohn der Geiger-Legende Yehudi Menuhin und Verfasser von Kolumnen in der rechtsgerichteten National-Zeitung“ – im „Spiegel“ Nr. 49/2005 dargestellt worden. Ich hatte das große Glück, einen herausragenden Vater und einen vorbildlichen Großvater zu haben. Dadurch musste ich etwas schneller aufwachsen und die Welt früher mit erwachsenen Augen betrachten. Damit verbunden waren auch unzählige Vorteile – von der albernsten Sonderbehandlung bis zu wertvollen Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen. Weil ich diese „Exklusivität“ – ein Wort das durch ewigen Missbrauch bedeutungslos geworden ist – während meiner Kindheit als ganz normal erlebt habe, erscheint mir, was viele Leute für einen begehrenswerten Lebensstil halten würden, seitdem völlig überflüssig. Als ich später in der Filmindustrie tätig war, konnte ich die tägliche Verschwendung, den Wert, der auf Reisen in der ersten Klasse, Limousinen mit Chauffeur, Nebenverdienste aller Art gelegt wurde, nicht verstehen. Für mich zählte einzig das Produkt, der unterhaltsame Film.

Einem meiner wichtigsten Ziele gilt der ständige Versuch, normal nationales Denken in der deutschen Politik zu fördern, so dass dessen Vertreter in allen Medien mitreden können wie es die extreme Linke kann, so oft sie möchte. Deswegen sagte ich zu, als der „Spiegel“ mich fragte, ob ich zu einem Interview bereit sei. Das Gespräch mit dem Redakteur Joachim Kronsbein dauerte zweieinhalb Stunden. Herr Kronsbein gab sich sehr freundlich. In auffallendem Gegensatz dazu stand der barsche, ungeduldige Ton, in dem er den ebenso netten wie professionellen Schweizer Fotografen ansprach. Möglicherweise, dachte ich, zeigt sich da der Charakter des Mannes.

Aber meiner Neigung, offen zu sprechen, kann ich nicht untreu sein. Leute, die sich ständig loben, bringen mich in Verlegenheit. Ich habe wunschgemäß über meinen geliebten Vater und sein einzigartiges Leben erzählt und der ehrenwerte Herr Dr. Kronsbein hat freundlich genickt und gekritzelt. Er hatte sein Konzept schon im Kopf und sann noch auf ein paar Gemeinheiten. Soso, bei Menuhins war es also nicht ungewöhnlich, mit meinem Vater, einem sehr beschäftigten Mann mit einer drei Jahre im Voraus geregelten Agenda, einen Termin zu buchen? Ja, Herr Redakteur, so leben halt derartige Menschen. Der Amateurpsychologe Kronsbein musste den Lesern an dieser Stelle seine reichlich einfach gestrickten Schlussfolgerungen aufdrängen.

Ich wollte auf mein politisches Anliegen kommen, der liebenswürdige Dr. Kronsbein dagegen wollte mich als Unikum darstellen. Es stimmt, dass ich einen Roman veröffentlicht habe. Es stimmt, dass ich es mir leisten konnte, beruflich einem Wechselweg vom Filmgeschäft bis zur architektonischen Restauration zu folgen, weil diese Bereiche mich interessierten. Während ich übrigens schon vor langer Zeit zu meinem politischen Standpunkt gekommen und ihm treu geblieben bin. Ich würde es natürlich nicht wagen, mich mit einer Glanzleistung, wie Redakteur Kronsbein sie ohne Zweifel verkörpert, zu messen. Für einen Mitläufer ist er jedenfalls wie geschaffen. Ich allerdings möchte etwas ändern.

Gerard Menuhin