Menuhin und wie er die Welt sieht
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Welturaufführung 2005

Noch ist es ein Geheimtipp: In Kürze findet die Welturaufführung der vom Urenkel des großen Richard geschriebenen Oper „Politikerdämmerung“ statt. Sie handelt vom unerbittlichen Niedergang und der unvermuteten Rettung der deutschen herrschenden Klasse.

Es geht darin um zwei sich feindlich gegenüber stehende, in heftiger Fehde liegende Gangs, die Grünis und die Bürgis. Die sind – und das macht dieses Opus für den Betrachter zunächst etwas mühselig – kaum voneinander zu unterscheiden, da alle, auch die Frauen, graue Anzüge tragen. Immerhin haben die Grünis rote und die Bürgis blaue Krawatten um. Eine kleine Abwechslung bringt, dass beide Banden gelegentlich von kleinen Trollen mit gelben Krawatten mehr oder minder kunstvoll attackiert werden, was aber ohne Auswirkung bleibt.

Obwohl die Arien insgesamt von geringem Interesse sind, finden manche Musikologen Gefallen an der Wehklage gegen geänderte Steuerverhältnisse „Bierdeckelrechnung“, die mit den Kehrreimen „Quo vadis Eigenheimzulage?“ (basso profundo) und der darauf folgenden Replik „Quo vadis Pendlerpauschale?“ (höchster Koloratursopran) unvergesslich bleibt.

Wegen ihrer entgegengesetzten ideologischen Meinungen über die Höhe ihrer Gehälter liegen sich die zwei Banden ständig in den Haaren. Es scheint unlösbare Differenzen zwischen beiden Gruppen zu geben: Die Grünis verlangen das Recht auf Nebeneinkommen bei völliger Transparenz und die Bürgis stehen auf völlige Transparenz bei Nebeneinkommen.

Dann aber erscheint, wie ein Wunder, die Stimme der Versöhnung. Beide Banden horchen auf. Die Antwort auf ihre Streitereien lautet: Vergangenheitsbewältigung. Auf diesem tiefernsten und bedeutenden Gebiet können sie sich einigen: Auch wenn sie nur eine kleine, mutige Minderheit seien, müsse einfach etwas getan werden, obwohl es natürlich (wie stets) zu wenig und zu spät sei. Grünis und Bürgis reihen sich nun ein in eine große Koalition für die Wiedergutmachung der Sünden ihrer Großeltern und Urgroßeltern und geben der sonst sinnlos verschwenderischen Ausgabe von öffentlichen Geldern endlich einen – wenn auch lediglich tieferen, zugegebenermaßen nicht jedermann sogleich einleuchtenden – Sinn.

Selbstverständlich werden die Beziehungen der zwei Banden durch eine Liebesgeschichte beeinflusst. Beim traditionellen jährlichen Deutschen Selbsterniedrigungswettstreit (in Berlin, nicht auf der Wartburg) finden sich die zwei am meisten punktenden Konkurrenten, Angela M. und Joseph F. Die rührende Szene ereignet sich während des Kampfes um den begehrten Kriecherpokal und stellt einen Höhepunkt für Opernkenner dar: Es ist nämlich eine äußerst schwierige Herausforderung für Sänger und Sängerin, in der hingestreckten Lage den technisch anspruchsvollen Gesang „Schulderkenntnis“ herauszubekommen und dabei auch noch das hohe C (Angela) bzw. G (Joseph) zu treffen.

Während dieses Duetts, in dessen Verlauf sich beim Zuschauer die Katharsis einstellen soll, knien sich Grünis und Bürgis, zu einem Chor vereint, gegenüber. Während am Boden männliche und weibliche Kontrahenten sich selbst die Haare ausreissen und aus Leibeskräften die Worte „Schlag’ mich, ich bin Täter“ schreien, wird an goldenen Seilen eine in Samt gekleidete Figur heruntergelassen – der Michel, sprich: Mischääl. Der Michel (Countertenor) stellt eine Art göttliche, angebetete Gestalt dar. Er vergibt die Sünden und verteilt den Segen – und kleine Kappen an Angela und Joseph. Diese ziehen die Kappen auf und dürfen dann aufstehen. Angesichts solcher Güte sind beider Gesichter jetzt von Erleichterung und Dankbarkeit durchleuchtet. Die Glocken läuten. Der Vorhang fällt.

Nachbemerkung: Platzreservierungen nur über www.schuldies.de. Einzelne Szenen, geringfügig variiert, auch auf allen deutschen Sendern.

Gerard Menuhin