Menuhin und wie er die Welt sieht
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Das passiert, wenn ein Land seine Seele verliert

Während meiner letzten Reise nach London habe ich mich im Flugzeug mit dem „Daily Telegraph“ erfreut. Der „Telegraph“ war einst eine angesehene konservative Zeitung. Wie viele andere Organe ist sie nach irgendwelchen Machenschaften übernommen worden (in diesem Fall von den Barclay-Brüdern, einem geheimnisvollen Zwillingspaar, das auf einer Insel wohnt und keinen Widerspruch duldet) und hat viel von ihrem einstigen Glanz und Ruhm verloren. Trotzdem ist der „Telegraph“ für denkende Menschen lesbarer und seriöser geblieben als die „Times“ unter Murdoch.

Diese Nachrichten sprechen für sich

Hier einige Überschriften und Meldungen einer Ausgabe:

-„Großbritannien ist das ungesündeste Land in Europa.“ „Fettleibigkeit unter Kindern in einem Jahrzehnt um 50 Prozent gestiegen.“ „Die Zahl der Frauen zwischen 35 und 54, die an Alkoholmissbrauch starben, hat sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt.“

- Um die Rindertuberkulose zu bekämpfen‚ müssten Dachse getötet werden.

- Mehr als die Hälfte der 2,4 Millionen Menschen, die Erwerbsunfähigkeitsbeihilfe in Anspruch nehmen, sind seit mehr als fünf Jahren ohne Arbeit.

- Scotland Yard ist bei seinen Untersuchungen zur Aufklärung des „Auszeichnungen gegen Geld“-Skandals von Mitarbeitern Blairs in der Downing Street behindert worden.

- Sir Richard Mottram, Geheimdienstkoordinator im britischen Kabinettsbüro, geht in den Ruhestand. Er bekommt ein Pensionspaket von knapp 2,7 Millionen Pfund. Mottram war dadurch bekannt geworden, dass er, als er nach den Ereignissen des 11. September 2001 den Befehl bekam, schlechte Nachrichten zu „vergraben“, brüllte: „Wir sind alle verflucht!“

- In Bristol sah sich ein Ehepaar gezwungen, eine Opernvorstellung zu verlassen, weil es vom Mist der im Saal nistenden Tauben getroffen wurde.

- Hunderttausende Fensterputzer könnten ihre Arbeit verlieren, wenn das neue „Schlauchgesetz“ (hosepipe law) durchgesetzt wird. Wegen Wassermangels, für die nicht wenige die Privatisierung der Wasserversorgungsunternehmen verantwortlich machen, soll es künftig verboten sein, Fenster zu putzen, Schwimmbäder zu füllen etc.

- Prinz Harry feierte die Niederlage des englischen Rugby-Teams gegen Frankreich in einer Bar – ein Bild zeigt ihn aus einer Wodkaflasche trinkend – und flog danach mit den „geschlagenen Helden“ nachhause.

- Nicht fehlen darf, wie könnte es anders sein, Lady Diana: ein unbekannter Motorradfahrer verließ heimlich den Ort, an dem Diana vor zehn Jahren tödlich verunglückte.

- Die Mutter der verschwundenen Madeleine möchte sich in der Kinderhilfe engagieren.

- Die Beaufsichtigung aus der Haft entlassener gefährlicher Krimineller wird als „katastrophal gescheitert“ betrachtet, nachdem sich ergeben hat, dass diese mehr Verbrechen als je zuvor begangen hätten. Offizielle Zahlen besagen, dass sich unter den während den letzten zwölf Monaten Freigelassenen 83 befinden, die inzwischen Vergewaltigungen und Morde begangen hätten. Im vorangegangenen Jahr waren es 61.

- Ein für die Raucherentziehung bestimmtes Arzneimittel darf nicht beim Autofahren benutzt werden, weil es Schwindelgefühle hervorruft und schläfrig macht. Das gaben die Behörden bekannt – nach zwei Autounfällen.

- Eine 22-jährige Studentin und Sozialpflegerin wurde im Dienst mit 39 Messerstichen getötet. Der schizophrene Täter war vor vier Monaten in der Nähe des Buckingham Palace von der Polizei verhaftet worden, da er erklärte, er wolle „die Queen ermorden“.

- Der Vorgesetzte der Londoner Polizei, verantwortlich dafür, dass ein brasilianischer Tourist von Polizisten in der U-Bahn durch mehrere Schüsse getötet wurde, bekam einen „Leistungsbonus“ von 25.000 Pfund.

- Der neue Außenminister ist nach Washington geflogen, um die Sonderverbindung („special relationship“) Großbritanniens mit den USA zu bewahren. Herr Cheney war beunruhigt wegen des Abzug Tausender britischer Soldaten aus dem Irak.

Tommies im Irak, aber kein Geld für den Zahnarzt

Die Regierung, die das Steuergeld verpulverte, indem sie im Dienste Amerikas den Irak überfiel, wird trotzdem ins Weiße Haus bestellt, wenn sie einmal Ungehorsam zeigt. Dabei leistet die britische Führung ihre Hilfsdienste letztlich aus freien Stücken. Niemand setzt sie ernstlich unter Druck. Irgendwelche Schuldgefühle aufgrund geschichtlicher Untaten gibt es nicht. Aber die Truppen sind schlecht versorgt. Zuhause geht es dem NHS, der nationalen Gesundheitsbehörde, schlechter denn je. Patienten, die dringend einen Zahnarzt brauchen, ziehen sich mit der Zange selbst die Zähne. Das staatliche Schulsystem funktioniert kaum noch, da es durch immer neue jämmerliche Experimente aufgewühlt wird. Die Pensionskassen sind gefährdet.

England hat seine Seele, sein Selbstbewusstsein längst verloren. Nicht erst, seit feststeht, dass seine Mannschaft die Fußball-EM 2008 nicht mitbestreiten darf. Die Schotten freuen sich über ihre Unabhängigkeit und die Waliser eifern ihnen nach. Damit wären zwei Drittel des Königsreichs aufgelöst. Einer Umfrage nach möchte sowieso ein Drittel der Engländer auswandern. Aber wohin? Die wenigsten sprechen eine Fremdsprache und fast alle wären im Ausland vergleichbaren Arbeitskräften unterlegen.

Nur ein europäischer Staat ist eben so versunken wie Großbritannien: Belgien. Die Krise beschränkt sich nicht auf das Gefängnissystem, das immer wieder durch spektakuläre Ausbrüche von sich reden macht. Nur in einem Land ohne Führung und Verantwortung können Korruption und Kriminalität dermaßen blühen. Das Ganze begleitet von dem unendlichen Zank – und manchmal Hass – zwischen Flamen und Wallonen, der dazu geführt hat, dass sechs Monate nach den Parlamentswahlen noch keine Regierung existiert. Jetzt gab der mit der Regierungsbildung beauftragte Yves Leterme seine Bemühungen auf. Das dreisprachige Belgien scheint vor dem Zerfall zu stehen. Seine Teile könnten sich nach den Niederlanden, nach Frankreich und nach Deutschland orientieren.

... wenn die deutsche Regierung sich für ihr Volk einsetzen würde

Ich sage nicht, dass die Deutschen in der Bundesrepublik es besser haben, nur, dass es hierzulande solche Probleme, solche Fahrlässigkeit und Leichtsinnigkeit nicht geben würde. Großbritannien kann sich nicht retten, da Engländer selbst, scheinbar von Geburt an, von einer katastrophalen Inkompetenz durchdrungen sind. Die Belgier wollen sich als Staat nicht retten; es ist ihnen egal, wenn das ganze künstliche Konstrukt versagt. Im Gegensatz zu „Großbritannien“ ist Deutschland keine zusammengezwungene Nation. Dank deutscher Vernunft und Effizienz wäre fast alles wieder in den Griff zu kriegen, wenn, ja wenn die deutsche Regierung sich ausnahmsweise ernsthaft und mit ganzer Kraft für das eigene Volk einsetzen würde.

Gerard Menuhin